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Lob und Kritik für CCS-Durchbruch

Essen (energate) - Für energieintensive Industrien öffnet sich eine neue klimapolitische Option, denn der Weg für CCS ist frei.Der Bundesverband der Deutschen Kalkindustrie (BVK) spricht von einem "klaren Signal für Klimaschutz und industrielle Zukunftsfähigkeit". Dennoch bleiben Fragen bezüglich der Wirtschaftlichkeit und der Speicherkapazitäten bestehen. Mit der Änderung des Hohe-See-Einbringungsgesetzes (HSEG) und der Ratifizierung des sogenannten Londoner Protokolls hat der Bundestag Ende Januar zentrale Weichen für die Speicherung und den Abtransport von abgeschiedenem Kohlendioxid gestellt. Mit den Beschlüssen erreiche Carbon Management "eine ganz neue und entscheidende Stufe", erklärte Philip Nuyken, Geschäftsführer Politik des BVK. Besonders relevant sei die nun ermöglichte Ausfuhr von CO2 über den Seeweg. "Sie schafft erstmals eine realistische Transportoption zu Speicherstätten und erhöht die Umsetzbarkeit von Emissionsvermeidung in der Kalkindustrie erheblich", so Nuyken.

 

Die neuen Regelungen besagen, dass CO2 nun außerhalb ausgewiesener Schutzgebiete in der Nordsee gespeichert werden kann. Zudem wird durch die Gesetzesänderung der grenzüberschreitende Transport von CO2 zur Speicherung in anderen Staaten ermöglicht. Aus Sicht weiter Teile der Industrie ist das ein überfälliger Schritt und das ersehnte Signal für Investitionssicherheit bei der Anwendung von Carbon Capture and Storage (CCS).

 

"Wichtiger Meilenstein" für energieintensive Industrien

 

Vor allem Industrien mit hohen prozessbedingten Emissionen sehen in den Gesetzesänderungen ein lange erwartetes Signal. Neben dem BVK spricht auch der Verein Deutscher Zementwerke (VDZ) von einem "weiteren wichtigen Meilenstein". Für Zementhersteller sei CCUS aufgrund hoher unvermeidbarer Emissionen eine zentrale Voraussetzung, um Klimaneutralität zu erreichen. Mit der Novelle des HSEG, der Änderung des Kohlendioxid-Speicherungsgesetzes (KSpG) und der Ratifizierung des Londoner Protokolls liege nun erstmals ein übergeordneter Rechtsrahmen für CCUS in Deutschland vor.

 

Export von CO2 als Schlüssel für schnellen Hochlauf

 

Ein deutsches Unternehmen, das besonders lange auf die deutsche Ratifizierung des Londoner Protokolls gewartet hat, ist Harbour Energy (ehemals Wintershall Dea). Der Gas- und Ölproduzent versucht seit Jahren, sich mit CCS ein neues Standbein neben der Exploration aufzubauen. Als Lagerstätten sollen unter anderem ausgeförderte Erdgasfelder dienen. Die lange CCS-skeptische Haltung Berlins war eine große Hürde. Jetzt stehen die Zeichen auf Durchbruch und einen zügigen Hochlauf. "Für ein Land, das der größte Emittent in der EU ist, ist dies ein entscheidender Schritt", betonte Halvor Jahre, SVP CCS Portfolio Development bei Harbour Energy, gegenüber energate. Kurzfristig seien internationale Speicherstandorte in Norwegen, Dänemark oder dem Vereinigten Königreich entscheidend, während deutsche Potenziale parallel erschlossen würden.

 

Auch der französische Konzern Total Energies begrüßt auf Nachfrage die neuen Regeln. Das Unternehmen ist unter anderem am CCS-Projekt Northern Lights beteiligt, dem bislang einzigen kommerziellen CO2-Speicherangebot in Europa, und verfügt über mehrere Lizenzen in der dänischen Nordsee. CCS sei vor allem für sogenannte "hard to abate"-Emissionen eine realistische Option, so das Unternehmen.

 

Wirtschaftlichkeit bleibt der Knackpunkt

 

Neben der grundsätzlichen Zustimmung ist der Tenor in der Industrie eindeutig: "Diese Gesetzesänderungen allein führen für uns noch nicht zu umsetzbaren Projekten zur CO2-Abscheidung, -Nutzung und -Speicherung", erklärte Timo Poppe, Vorsitzender der Geschäftsführung des Abfallverwerters Energy from Waste (EEW), gegenüber energate. Auch bei der Müllverbrennung gelten CO2-Emissionen als schwer oder unvermeidbar. Poppe machte deutlich, dass es bislang an wirtschaftlichen und regulatorischen Voraussetzungen fehle. Solange die Kosten für Abscheidung, Transport und Speicherung nicht tragfähig und darstellbar seien und keine ausreichende Förderung existiere, werde es keine CCUS-Projekte in Deutschland geben. Zwar sei der Export von CO2 und die Speicherung im Ausland "grundsätzlich eine realistische Option, insbesondere für grenznah gelegene Standorte". Doch hier gelte ebenfalls, dass ohne eine Förderung der Betriebs- und Gesamtkosten die aktuellen Kosten zu hoch seien, um Projekte wirtschaftlich umzusetzen.

 

Auch der Verband Deutscher Zementwerke (VDZ) warnt vor hohen Investitionsrisiken. Zwar sei es eine gute Nachricht für die zahlreichen CCUS-Projekte, mit denen die deutschen Zementhersteller in den Startlöchern stehen. "Allerdings fehlt weiterhin ein Bekenntnis der Politik, die massiven Investitionsrisiken für Infrastrukturbetreiber und Industrie in der Anfangsphase finanziell abzusichern sowie den Infrastrukturaufbau zu unterstützen", teilte der Verband auf Nachfrage mit. Ohne ein staatliches De-Risking, etwa durch Klimaschutzverträge oder gezielte Förderung in der Hochlaufphase, werde der Carbon-Management-Hochlauf nicht gelingen. Bundesregierung und -länder seien nun am Zug, die weiterhin fehlenden Voraussetzungen für die Umsetzung des Carbon Managements zu schaffen.

 

Der BVK plädiert zudem für eine stärkere Nutzung der Opt-in-Möglichkeit zur Onshore-Speicherung. Diese könne die Kosten der CCS-Kette deutlich senken und die heimische Wertschöpfung stärken. Angesichts von rund 50 Mio. Tonnen unvermeidbarer Emissionen sei dies ein zentraler Hebel für die Industrie.

 

Umweltverbände bleiben kritisch

 

Deutliche Kritik kommt hingegen von Umweltverbänden. "Mit diesem Greenwashing soll vor allem der Zement- und Kalkindustrie und der Stromerzeugung aus Gaskraftwerken, wo eine CO2-Reduzierung kaum möglich ist, geholfen werden", argumentierte die Schutzgemeinschaft Deutsche Nordseeküste (SDN). Der Verband sieht in der Offshore-Speicherung von CO2 weiterhin erhebliche Risiken. Zwar seien Vorsorge- und Verursacherprinzip sowie Ausschlüsse von Schutzgebieten gesetzlich verankert worden. Dennoch fehle es an praktischen Erfahrungen. Die bisherigen Annahmen beruhten nicht auf Langzeitversuchen, so die SDN. Sie fordert ein mehrjähriges Versuchsfeld, bevor eine industrielle Nutzung zugelassen wird, und warnt vor der Nordsee als "Versuchsfeld für ein nicht seriös abschätzbares Risiko". /hp

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