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Lies hinterfragt 70-GW-Ziel bis 2045

Hannover (energate) - Der Offshore-Windausbau hat unter der Ampelkoalition entscheidende Fortschritte gemacht. Darüber waren sich Vertreter der Küstenländer auf einem Digitaltalk des Offshore-Branchenverbands BWO, der sich mit den Folgen des Ampel-Aus beschäftigte, einig. "Man kann gar nicht genug unterschätzen, was in diesen dreieinhalb Jahren energiepolitisch vorangegangen ist", bilanzierte Schleswig-Holsteins Energieminister Tobias Goldschmidt (Grüne). Er lobte zugleich die gemeinsame Positionierung der Bundesländer: "Alle wollen Offshore-Windenergie", so der Minister - und schloss damit auch Bayern und Baden-Württemberg ein.

 

Auch Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD) lobte die energiepolitische Bilanz mit Blick auf die Offshore-Windkraft. Trotz der vielen Streitigkeiten sei es bei der Offshore-Windenergie gelungen, konkrete Fahrpläne zu entwickeln. Dies sei Voraussetzung, den Ausbau voranzutreiben. Auch Bremens Staatsrat für Häfen, Kai Stührenberg, beurteilte die vergangenen Jahre überwiegend positiv. So sei es gelungen, das Thema Offshore-Windenergie in der energiepolitischen Betrachtung fest zu verankern. Offshore-Windkraft sei im Gegensatz zu den vorherigen Jahren "nicht mehr gefährdet" und stehe auf gesunden Beinen. Dies spiegle sich in einer Investitionssicherheit, die den deutschen Offshore-Markt auch für ausländische Investoren interessant mache.

 

Lies stellt 70-GW-Ziel infrage

 

Einig waren sich die Politiker jedoch auch, dass trotz der Fortschritte noch Verbesserungspotenzial bestehe. Insbesondere Olaf Lies hinterfragte den im Koalitionsvertrag anvisierten Ausbau von 70 GW bis 2045. Er begründete seine Zweifel mit Abschattungseffekten, also Windrädern, die sich gegenseitig den Wind nehmen und damit Ertragskraft verlieren. Es sei gesellschaftlich "schwer zu erklären", dass die Netze "für das letzte Gigawatt" ausgebaut werden, während die Windräder "mit geringen Volllaststunden arbeiten". Eine Position, die Tobias Goldschmidt bereits im Interview mit energate vertrat. Der Grünen-Politiker mahnte, dass nicht die installierte Leistung, sondern die verrichtete Arbeit entscheidend sei.  

 

SPD-Minister Lies forderte eine "klügere Planung" mit weniger Abschattungseffekten in der Nordsee. Ziel müsse sein, den Energieertrag nach vorne zu bekommen. Die Windkraft solle daher so ausgebaut werden, dass der damit zusammenhängende Netzausbau effizient bleibt - auch mit Blick auf die verbundenen Kosten, so der Wirtschaftsminister Niedersachsens. BWO-Geschäftsführer Stefan Thimm erneuerte die Forderungen seines Verbandes, bei der Entwicklung der Meeresflächen die möglichen Erträge miteinzubeziehen. Und warb dafür, sich dabei auch mit den betroffenen Nachbarländern abzustimmen.

 

Ausschreibungsdesign mit mehr Fokus auf lokale Wertschöpfung

 

Kritik gab es auch am Auktionsdesign für Offshore-Windflächen. Beim dynamischen Gebotsverfahren stehe "maximale Gewinnabschöpfung" im Fokus, beklagte BWO-Chef Thimm. Der Bremer Staatsrat Stührenberg warb dafür, dass die Abschöpfungsgewinne und die daraus resultierenden Preise für die teilnehmenden Unternehmen in einem "gesunden Verhältnis" stehen müssten. Er hinterfragte allerdings, wohin die abgeschöpften Gelder der Auktionen fließen. Statt den Fokus auf Meeresschutz zu richten, sollte stattdessen das Geld lieber in inländische Arbeitsplätze etwa bei Hafenanlagen fließen.

 

Eine Position, die sowohl Goldschmidt als auch Lies kritisierten. Die "Industrialisierung der Meere" dürfe nicht auf Kosten von Umweltbelangen geschehen, mahnte Lies. Er sprach sich dafür aus, die Ausschreibungskriterien so zu gestalten, dass die lokale Wertschöpfung erhöht werde. Tobias Goldschmidt hingegen warnte, das Geld aus den Auktionen dürfe nicht "zur Melkkuh der Nation" werden. Stattdessen müssten mit dem Geld zielgerichtet die mit Offshore-Windausbau verbundenen Probleme wie Netzkapazitäten, Netzentgelte und Hafenausbau angegangen werden.

 

Nächste Bundesregierung muss Energiewende weiter fördern

 

Einig waren sich die Beteiligten wiederum bei der Frage, was die nächste Bundesregierung leisten muss, um den Offshore-Windausbau auf Kurs zu halten. Stührenberg stellte klar, dass die schnellere Umsetzung höchste Priorität habe - sowohl bei Genehmigungen, aber auch beim Hafenausbau. Goldschmidt betonte, dass angesichts steigender Umfragewerte für Parteien, die die Energiewende infrage stellen, die neue Bundesregierung alle Zweifel ausräumen müsse, ob an der Energiewende weitergearbeitet wird. Und Lies wiederholte seine bereits auf dem energate-Forum vertretene Position, dass auch die Länder gefragt seien, energiepolitisch Verantwortung zu übernehmen. /rh

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