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Kooperation als Antwort auf Komplexität und Kostendruck

Georgsmarienhütte (energate) - Steigende Regulierung, wachsender Fachkräftemangel und der Umbau klassischer Geschäftsmodelle stellen Stadtwerke zunehmend vor strukturelle Herausforderungen. Auch bei den Stadtwerken Georgsmarienhütte aus dem südlichen Niedersachsen ist dieser Transformationsdruck längst zu spüren. "Die Umsetzung der Energiewende führt zu steigenden Auflagen und Veränderungen und damit einhergehendem Kostendruck", erklärte Jörg Dorroch, Geschäftsführer der Stadtwerke Georgsmarienhütte, im Interview mit energate, das den Auftakt der Sommerserie "Stadtwerke im Fokus" bildet.

 

Die letzten fünf Jahre seien mit den zwanzig davor nicht mehr vergleichbar, schildert der Stadtwerkechef. Allein die Komplexität der Preisausschläge für börsengehandelte Produkte Strom und Gas habe bei vielen Stadtwerken zu wirtschaftlich belastenden Situationen geführt. Aktuell beruhige sich die Marktsituation zwar wieder und sein Unternehmen blicke optimistisch in die Zukunft, aber der Transformationsdruck sei da. Spürbar sei das bei Digitalisierung, Personalgewinnung und neuen Geschäftsmodellen. "Wettbewerbsdruck und Digitalisierung helfen uns aber auch, unsere Geschäftsmodelle umzusetzen und Drittkunden in der Stadtwerkewelt zu gewinnen", zeigte sich Dorroch zuversichtlich.

 

Shared Services als Lösung

 

Die Stadtwerke Georgsmarienhütte setzen auf Kooperations- und Konzentrationsprozesse, um dem Druck entgegenzuwirken. Bereits im Jahr 2018 hatte das Unternehmen gemeinsam mit den Stadtwerken Versmold und dem Teutoburger Energie Netzwerk die Shared-Service-Gesellschaft "edikoo" gegründet. Ziel war es, operative Kernprozesse wie Abrechnung, Marktkommunikation, Energiedatenmanagement, Messstellenbetrieb sowie Forderungs- und Debitorenmanagement zu bündeln. "Die Beweggründe, damals wie heute, waren neue Anforderungen durch die Digitalisierung, steigende Anforderungen im regulatorischen Umfeld, Prozessstabilität, der Fachkräftemangel, der Aufbau von Redundanzen", blickte Dorroch zurück.

 

Der Aufbau sei bewusst strukturiert und mit klarer Kommunikation erfolgt. "Wir haben auf Geschäftsführungsebene ein gemeinsames Verständnis über die Ziele und Herausforderungen entwickelt", berichtet Dorroch. Die Aufbauorganisation sei umfassend kommuniziert worden, um für alle Beteiligten Klarheit zu schaffen. Besonders wichtig sei gewesen, die betroffenen Mitarbeitenden frühzeitig einzubinden.

 

Personal bleibt Schlüsselthema

 

Als zentrales Thema der Transformation habe sich der Fachkräftemangel herauskristallisiert. "Der limitierende Faktor ist ganz eindeutig der Aufbau ausreichender personeller Kapazitäten", betont Dorroch. Genau hier böten Kooperationen Vorteile: Know-how kann gebündelt und innerhalb der Gruppe aufgebaut werden - auch als Antwort auf den allgemeinen Personalmangel in der Branche. "Wir haben die Shared-Service-Mitarbeiter aus drei Stadtwerken auch arbeitsrechtlich in die neue Edikoo GmbH überführt." Dafür bedurfte es einer guten und vertrauensvollen Zusammenarbeit mit den Arbeitnehmervertretern, berichtet Dorroch.

 

Der operative Start von Edikoo erfolgte 2020, seither wurden die Systeme der beteiligten Stadtwerke weitgehend harmonisiert. "Diese umfassende Integration hat eine bemerkenswerte Prozessstabilität geschaffen", sagt Dorroch. Inzwischen bietet Edikoo seine Services auch über den Gesellschafterkreis hinaus an - mit Erfolg: In den vergangenen Jahren hat der Dienstleister mehrere Drittkunden gewonnen, daher werde die Belegschaft derzeit gezielt ausgebaut.

 

"Die Möglichkeit, von der Expertise und Erfahrung anderer Akteure zu profitieren, eröffnet Stadtwerken neue Perspektiven, um sowohl ihre eigenen Prozesse zu optimieren als auch ihre Marktposition zu stärken", wirbt Dorroch für das Modell. Die Kooperation ins Leben zu rufen, habe sich als äußerst lohnenswert erwiesen. Edikoo sei heute ein stabiles Unternehmen. "Langfristig sehen wir großes Potenzial, das Geschäftsfeld über die bisherigen Gesellschafter und Kunden hinaus auszuweiten."

 

Trend zu Kooperationsmodellen

 

Auch Olaf Geyer, Partner der Unternehmensberatung Arthur D. Little, bestätigt den Trend zu solchen Kooperationsmodellen. "Bürokratie, Digitalisierung und Regulierung stellen gerade die kleinen Spieler vor echte Herausforderungen im operativen Betrieb", sagte er im Gespräch mit energate. Hier müsse man schlicht "vor die Welle kommen". Viel Bewegung gebe es in Bereichen, die der Kunde nicht direkt sieht. "Hierunter fallen die energiewirtschaftlichen Shared Services wie Abrechnung, EDM und Mako." Oft hätten sich Kooperationen in diesen Feldern bewähren können, sodass vermehrt in weiteren Bereichen Partnerschaften eruiert und aufgebaut werden - etwa bei Netz- oder auch Vertriebskooperationen.

 

Zuletzt seien Kooperationen auch stärker bei Marktthemen zu beobachten, die neue Geschäftsbereiche erschließen sollen: Photovoltaik, Wärmepumpen oder Ladeinfrastruktur. "Bei einigen kleinen und mittelgroßen Stadtwerken ist der regionale Markt zu klein, um wettbewerbsfähige Angebote bereitzustellen und die Wertschöpfungskette adäquat abzudecken", so Geyer. Zugleich mahnt er, dass bei Kooperationen die "Komponente Mensch" nicht unterschätzt werden dürfe. Das sieht auch Dorroch so: "Am Ende werden Kooperationen unter Menschen gemacht." /tc

 

Das vollständige Interview mit Jörg Dorroch, Geschäftsführer der Stadtwerke Georgsmarienhütte, lesen Sie im Add-on Markt & Industrie.

 

Das Interview bildet den Auftakt der energate Sommerserie "Stadtwerke im Fokus". In dieser Serie an Interviews schildern Stadtwerke-Geschäftsführerinnen und -Geschäftsführer aus ganz Deutschland, vor welchen konkreten Herausforderungen lokale Energieversorger im aktuellen Marktumfeld stehen und mit welchen Lösungsansätzen sie darauf reagieren.

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