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Kernenergie als neue, alte Option für Deutschland?

Berlin (energate) - Dass EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen den Verzicht auf Atomkraft für einen Fehler hält, hat in Deutschland für viel Aufsehen gesorgt. Vielleicht auch, weil der bayerische Ministerpräsident Markus Söder und seine CSU für Small Modular Reactors (SMR) und Fusionsenergie in seinem Bundesland plädieren. Bloß stellt sich die Frage, ob die Kernkraft tatsächlich für die Stromversorgung in Deutschland wieder eine Rolle spielen könnte.

 

Dazu müssten sich idealerweise verschiedene Bedingungen erfüllen. Zuallererst müsste die entsprechende Erzeugungsart sich auch technologisch realisieren lassen. Das betrifft auch das Wiederanfahren der bis 2023 stillgelegten deutschen Kernkraftwerke. "Ein Neustart alter Atomkraftwerke ist technisch kaum möglich und wirtschaftlich nicht sinnvoll", schreibt der staatliche Kraftwerksbetreiber EnBW hierzu auf seiner Internetseite. Auch die anderen ehemaligen Kraftwerksbetreiber haben sich wiederholt gegen eine Wiederinbetriebnahme der Meiler ausgesprochen. Bleibt der Neubau. Dieser ist im Bereich der Leichtwasserreaktoren weltweit geübte Praxis. Hingegen steht bei der Fusionsenergie hinter der technischen Umsetzbarkeit derzeit noch ein deutliches Fragezeichen. Frühestens in den 2040er Jahren könnte es erste kommerzielle Reaktoren geben, das deutsche Unternehmen Gauss Fusion plant für diesen Zeitraum. Im Bereich der SMR gibt es gerade in Kanada ein erstes Bauvorhaben. Dieses soll 2030 ans Netz gehen.

 

Der Bau neuer, großer Reaktoren ist sehr zeitintensiv und teuer. Die neu gebauten europäischen Kernkraftwerke - allesamt Druckwasserreaktoren - sprengen neben dem Kostenrahmen auch regelmäßig den ursprünglich avisierten Zeitplan. So benötigten die Erbauer sowohl für den französischen Reaktor Flamanville als auch für den finnischen Reaktor Olkiluoto jeweils zwölf Jahre länger als zunächst geplant. Flamanville 3 war zudem mit 13 Mrd. Euro viermal so teuer wie ursprünglich vorgesehen. Bei Olkiluoto gibt es nur Abschätzungen zu den Kosten. Diese sollen sich auf 11 Mrd. Euro belaufen, dreimal so viel wie geplant. Auch das im Bau befindliche britische Kernkraftwerk Hinkley Point verzögert sich. Ursprünglich wollte der französische Staatskonzern EDF den ersten der beiden Blöcke 2018 ans Netz bringen, mittlerweile ist der Termin auf 2029 verschoben. Der zweite Block soll dann 2030 folgen. Allerdings veranschlagt EDF allein für den Bau des britischen Kernkraftwerks derzeit mindestens 40 Mrd. Euro

 

Die Wirtschaftlichkeit der Kernenergie

 

Ein weiteres Kriterium: die Wirtschaftlichkeit. Befürworter werben mit günstiger Energie. So moniert Bernd Baumann, parlamentarischer Geschäftsführer der AFD-Fraktion: "Die deutsche Wirtschaft wird stranguliert, indem ihr diese günstige Energie vorenthalten wird." Hingegen schreibt EnBW, dass Atomstrom mit Stromgestehungskosten zwischen 13,9 und 49 Cent/kWh die teuerste Form der Stromerzeugung sei. Zum Vergleich: Offshore-Wind kommt auf Werte zwischen 5,5 und 10,3 Cent/kWh.

 

Vor dem deutschen Ausstieg aus der Kernkraft konnten die Anlagen tatsächlich mit geringen Stromgestehungskosten punkten - zumindest wenn man die nicht internalisierten externen Kosten etwa für die Endlagerung ausklammert. Anders sieht es aber mit den Stromgestehungskosten für Kernkraft aus neuen, konventionellen Anlagen aus. Hier liegen die Kosten deutlich höher.

 

Ein uneinheitliches Bild ergibt sich beim Blick auf SMR: Bei einem schnellen Hochlauf könnte es für SMR laut einer Studie des amerikanisch-britischen Energie-Thinktanks Lucid Catalyst deutliche Kostenreduktionen geben. Der Thinktank betrachtet hier vier Szenarien. Im zweitambitioniertesten Fall, dem Breakout-Szenario, könnten die Kosten auf 5,2-7,8 Cent/kWh sinken. Eine Studie der TU Berlin, des Öko-Instituts und des Physikerbüros Bremen im Auftrag des Bundesamts für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) sieht hingegen keine Chance für die baldige Markteinführung alternativer Reaktoren. Keine dieser Reaktortechnologien biete ausreichend Vorteile, um einen raschen Ausbau bis 2050 zu ermöglichen, heißt es darin. 

 

Bei den Kosten für Fusionsenergie herrscht ebenfalls noch große Unsicherheit. Sie könnten mit 3,8-15,7 Cent/kWh mit denen von erneuerbaren Energien vergleichbar sein. Diese Zahlen zitiert ein Impulspapier von Leopoldina, Acatech und der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften. Allerdings besteht hier aufgrund der technologischen Unreife noch eine hohe Unsicherheit, räumen die Wissenschaftler im gleichen Atemzug ein. Selbst Branchenvertreter sind hier vorsichtig. So sagte Milena Roveda, Geschäftsführerin des deutschen Fusionsunternehmens Gauss Fusion, im 11km-Podcast: "Wir gehen nicht davon aus, dass wir so günstig sein können wie Windenergie - das ist unschlagbar."

 

Hinzu kommen die Kosten für die Lagerung des Atommülls. Bei konventionellen Kraftwerken ist dies aufgrund der hohen Halbwertszeiten auch kaum bezifferbar. Damit kommen wir zum nächsten Punkt: den Abfällen. Zwar ist der Zuspruch zur Kernkraft in Deutschland laut einer Umfrage des Preisvergleichsportals Verivox wieder gestiegen. Demnach wünscht sich ein Drittel der Befragten neue Kernkraftwerke, 22 Prozent einen Weiterbetrieb der alten Meiler. Ob damit aber auch die Bereitschaft gestiegen ist, in seiner Wohnumgebung ein Lager für radioaktive Abfälle zu dulden, ist indes fraglich. Die Suche nach einem Endlager gestaltet sich zumindest bislang äußerst schwierig. Als Zieldatum wird mittlerweile mit 2070 geplant. Das ist kein deutsches Phänomen: Weltweit gibt es bislang nur im finnischen Onkalo ein Endlager. 

 

Kernkraft im Aufwind und auf absteigendem Ast

 

Die weltweite Entwicklung der Kernenergie wird gerne als Argumentation verwendet - und das auf beiden Seiten. ​Befürworter der Kernenergie erklären, die Kernkraft sei im Aufwind, weltweit kämen immer mehr Anlagen hinzu. Gegner verneinen dies. Ein Blick auf die Zahlen der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) zeigt: Beide haben recht. Es kommt nur darauf an, wie man die Zahlen liest. So produzierten Kernkraftwerke 2024 - das letzte von der GRS in die Statistik eingehende Jahr - 2.677 TWh Strom. Das ist der bisherige Rekordwert. Gleichzeitig sank aber der Anteil der Kernenergie an der gesamten Stromerzeugung auf nur noch neun Prozent und damit auf den geringsten Wert der letzten 40 Jahre. Der Höchstwert lag bei 17,5 Prozent im Jahr 1996.

 

Mögliche Zukunft der Kernenergie in Deutschland

 

In Deutschland mit seinem hohen Anteil fluktuierender erneuerbarer Stromerzeuger stellt sich zudem die Systemfrage. Kernkraftwerke sind bestens dazu geeignet, Grundlast zu liefern. Deutschland benötigt aber vielmehr flexible Kraftwerke als Ergänzung zu den Erneuerbaren - es sei denn, man wollte wirklich die Erneuerbaren zugunsten der Kernkraft wieder abschalten, wie von Bayerns Ministerpräsident Söder propagiert. Auf der anderen Seite ist insbesondere die Industrie an günstigem und zugleich zuverlässigem Grundlaststrom interessiert.

 

Deutschland hat schon zweimal den Ausstieg aus der Kernenergie beschlossen. In Krisenzeiten kommt aber immer wieder die Diskussion auf, ob dies nicht ein Fehler war und ob Deutschland nicht wieder einsteigen sollte. Angesichts der Ablehnung der großen deutschen Energiekonzerne kämen dafür wohl - wenn überhaupt - vor allem ausländische oder neue Player in Betracht. /sd

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