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Industriestrompreis nur kurzfristige Lösung

Essen (energate) - Der geplante Industriestrompreis kann der energieintensiven Industrie kurzfristig Luft verschaffen - mehr aber auch nicht. Das wurde im energate Talk "Wettbewerbsfaktor Energie: Was bringt der Industriestrompreis wirklich?" deutlich. Besonders präzise formulierte es Kai Gent, Leiter der Mittelstandsinitiative EE-Industrie: Der auf drei Jahre begrenzte Industriestrompreis sei lediglich ein "Pflaster" und gebe bestenfalls einen kleinen Impuls. Entscheidend sei, was danach komme. "Die Aufgabe ist es erst einmal, dass die Politik die Strategie klar formuliert", so Gent. Der Mechanismus dürfe nicht zum Selbstzweck werden. Vielmehr müsse die Politik jetzt festlegen, wie die Zeit bis 2028 genutzt werde und wie der Strompreis danach strukturell sinken solle. Die Unternehmen könnten diese Perspektive nicht selbst entwickeln: "Es ist nicht die Aufgabe der Unternehmen, große Strategien zu entwickeln", vertiefte Gent seine Ansicht.

 

Auch Stephan Dinse, Head of Industry Origination bei Vattenfall, teilte diese Meinung: "Die Industrie möchte langfristige Sicherheit haben, weil sie eben gegebenenfalls Investitionen tätigen muss, um ihren Industriestandort auch zukünftig weiter international und global wettbewerbsfähig zu halten." In diesem Kontext griff Gent die alte, politisch inzwischen gemiedene Bezeichnung des "Brückenpreises" auf. Der Industriestrompreis sei faktisch nichts anderes als eine Brückensubvention, um Zeit zu kaufen, in der eine tragfähige energiepolitische Gesamtstrategie aufgesetzt werden müsse. Ziel müsse es sein, dass Strom nach Auslaufen der Subvention real günstiger werde, nicht nur administrativ gedeckelt.

 

Stephan Dinse machte deutlich, dass der Industriestrompreis keine strukturellen Probleme löse. Der dauerhaft zu hohe Strompreis in Deutschland bleibe die eigentliche Baustelle. Dass ein Industriestrompreis überhaupt eingeführt werde, sei bereits das Eingeständnis eines massiven Standortproblems bei den reinen Beschaffungskosten.

 

Bremsender oder effizienzsteigernder Effekt?

 

Sebastian Bolay, Bereichsleiter Energie, Umwelt, Industrie bei der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), verwies darauf, dass drei Jahre Preisstützung für industriepolitische Weichenstellungen viel zu kurz seien. Große Transformationsprojekte, etwa Elektrifizierungs- oder Dekarbonisierungsvorhaben, hätten Amortisationszeiträume von zehn bis 15 Jahren, pflichtete Maximilian Dekorsy, Co-Founder und -CEO von IT-Dienstleister Ecoplanet bei. Ein großes Fragezeichen sei, ob der Industriestrompreis die Transformation fördere, erklärte Dekorsy. Ohne eine verlässliche Perspektive über 2028 hinaus lasse sich kein Projekt sauber rechnen. Der Industriestrompreis sichere allenfalls die Gegenwart ab, nicht aber die Zukunft. "Ich muss wissen, wenn ich in Deutschland bleibe, wie sieht es in drei, vier, fünf Jahren aus", betonte Gent ebenfalls.

 

Gerade die Elektrifizierung, die für einen Großteil der Industrie kurzfristig der einzig realistische Klimapfad ist, wird durch die Unsicherheit eher gebremst als beschleunigt. Niemand wisse, ob es ab 2029 einen Nachfolger geben werde, meinte Stephan Dinse von Vattenfall. Gleichzeitig seien Gaspreise weiterhin vergleichsweise günstig,insbesondere wenn im Emissionshandel mit freien Zuteilungen gearbeitet werden könne, betonte Sebastian Bolay. Dennoch seien die geopolitischen Risiken hoch und Netzanschlüsse knapp. Unter diesen Bedingungen sei es laut Bolay rational, Investitionen aufzuschieben oder gleich ganz außerhalb Deutschlands zu tätigen.

 

 

Industriestrompreis reizt Investitionen an 

 

Zugleich argumentierte Ecoplanet-Chef Dekorsy, dass der Industriestrompreis in einzelnen Fällen durchaus positive Effekte haben könne. Denn die Subvention erfordere eine Gegenleistung wie die Errichtung von Photovoltaik-Eigenversorgung oder kleinere Effizienzmaßnahmen. In der Breite der Industrie überwiege jedoch der bremsende Effekt: "Unterm Strich dürfte die Transformation eher gebremst werden."

 

Einen Blick auf den Industriestrompreis aus Marktsicht warf Bolay. Er bezeichnete sich zwar als Freund von Marktsignalen, räumte aber ähnlich wie Gent ein, dass es "viel schlimmer hätte kommen können". Positiv bewertete er, dass nur 50 Prozent des Verbrauchs subventioniert werden sollen und dass sich der Referenzpreis am Terminmarkt orientiert. Dadurch blieben Effizienzanreize und Anreize zur Eigenversorgung grundsätzlich erhalten. Aus Sicht der Marktverzerrung lande das Instrument für ihn dennoch nur bei einer "befriedigenden Drei".

 

EEG-Reform noch wichtiger

 

Eine zentrale Rolle messen die Panelisten der anstehenden EEG-Reform zu. Diese sei für die langfristige Preisentwicklung sogar wichtiger als der Industriestrompreis selbst. Hier könne politisch "viel kaputt gemacht werden", so Gent von EE-Industrie. Dennoch könne auch ein glaubwürdiger Pfad zu dauerhaft günstigeren Strompreisen entstehen. Entscheidend sei, dass Unternehmen zumindest für fünf bis zehn Jahre eine Richtung erkennen könnten, auch wenn exakte Prognosen im Energiemarkt kaum möglich seien.

 

Unter dem Strich wurde klar, dass der Industriestrompreis Zeit kaufen kann, mehr jedoch nicht. Ob diese Zeit sinnvoll genutzt wird, hängt den Diskutanten nach davon ab, ob die Bundesregierung rasch eine konsistente Energie- und Industriestromstrategie vorlegt. Ohne eine glaubwürdige Perspektive für dauerhaft wettbewerbsfähige Strompreise drohe der Industriestrompreis zum teuren Stillhalteabkommen zu werden. /hp

 

Den vollständigen energate-Talk "Wettbewerbsfaktor Energie: Was bringt der Industriestrompreis wirklich?" können Sie hier ansehen.

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