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Industrie-PPAs: Nachfrage sinkt bei wachsendem Bedarf

Essen (energate) - Corporate Power Purchase Agreements (cPPAs) gelten seit Jahren als Schlüsselinstrument für die Dekarbonisierung der Industrie. Doch das Marktumfeld hat sich zuletzt deutlich verändert. Während hohe Strompreise und ambitionierte Klimaziele einen regelrechten PPA-Boom auslösten, sorgen wirtschaftliche Unsicherheit, politische Eingriffe und neue Marktrisiken inzwischen für mehr Zurückhaltung. Gleichzeitig entwickelt sich der Markt weiter, wie Experten im Gespräch mit energate erklären.

 

Bedarf wächst, aber Nachfrage verlangsamt

 

"Der Bedarf an Grünstrom wächst grundsätzlich weiter, das ist ungebrochen", sagte Christine zu Putlitz, Head of Renewables Origination bei Vattenfall, im Interview mit energate. Gleichzeitig sei jedoch spürbar, dass die Industrie aktuell unter wirtschaftlichem Druck steht: "Investitionsentscheidungen werden verschoben, Projekte zurückgestellt. Das wirkt sich auch auf die Nachfrage nach Corporate Power Purchase Agreements aus." Zwar bleibe die Projektpipeline gut gefüllt, doch auf der Nachfrageseite sei derzeit "eine gewisse Zurückhaltung spürbar".

 

Sascha Schröder, Vice President Central European Origination bei Statkraft, beschreibt gegenüber energate die Entwicklung am PPA-Markt ähnlich: "Wir beobachten viel mehr, dass sich der Markt und die Bedarfe vor allem aufseiten der Stromabnehmer verändern", sagte er. Gleichzeitig sinke auf Industrieseite die Nachfrage nach klassischen langlaufenden Festpreis-PPAs, also genau jenem Modell, das für Projektentwickler häufig die Grundlage zur Finanzierung neuer Anlagen bildet. Stattdessen wachse der Bedarf an flexibleren Strukturen, die stärker an die Beschaffungs- und Hedgingstrategien der Unternehmen angepasst sind.

 

Zwar gab es in den Jahren 2022 bis 2024 einen starken Nachfrageanstieg "getrieben durch hohe Strompreise und Nachhaltigkeitsbestrebungen", sagte Niklas Polster, Director für Power Utilities & Renewables bei Deloitte. Doch diese Dynamik habe zuletzt nachgelassen. Gründe seien unter anderem politische Maßnahmen wie der Industriestrompreis, volatile Großhandelspreise sowie ein verlangsamter Ausbau der erneuerbaren Energien. "Entsprechend nehmen wir aktuell einen leichten Nachfragerückgang bei Corporate PPAs (cPPAs) wahr."

 

Dekarbonisierung als Haupttreiber

 

Gleichzeitig bleibt die strategische Bedeutung von PPAs für viele Unternehmen hoch. Aus Sicht von Vattenfall sind langfristige Stromlieferverträge vor allem "ganz klar dekarbonisierungsgetrieben", wie zu Putlitz die Motivation vieler Industriekunden beschrieb. "Viele Unternehmen müssen Grünstrom nachweisen, beispielsweise im Rahmen von Förderprojekten, oder verfolgen verbindliche Klimaziele." Neben der Klimastrategie spielt auch die Preisstabilität eine wichtige Rolle: cPPAs böten Planbarkeit und reduzierten die Volatilität der Stromkosten. "Unsere Preise sind aus unserer Sicht attraktiv im Vergleich zum Markt, insbesondere wenn man die Zusätzlichkeit neuer Erzeugungsanlagen und die damit verbundenen Grünstromnachweise berücksichtigt."

 

Auch Statkraft kombiniere zunehmend unterschiedliche Erzeugungstechnologien wie Wind- und Solarenergie, binde virtuelle PPAs ein und integriere Grünstrom in bestehende Portfolios. Gerade virtuelle PPAs erlebten aus Sicht von Schröder derzeit eine Renaissance, da dies operativ häufig eleganter und einfacher zu handhaben sei als ein physisches PPA. "Man bekommt die Herkunftsnachweise, macht aber keinen physischen Stromfluss in den Bilanzkreis, sondern einen Contract for Difference, also eine monatliche Abrechnung auf Basis von Spot- und Verkaufspreis", sagte Schröder.

 

Neben Großindustrie auch der Mittelstand am Drücker

 

Vor allem große Technologieunternehmen, "etwa aus dem Bereich Rechenzentren", sieht Deloitte dabei als wichtige Kunden für PPAs. In Europa und insbesondere in Deutschland dominierten jedoch weiterhin energieintensive Industrien mit einem jährlichen Stromverbrauch ab etwa 50 GWh, darunter Stahl-, Zement- oder Papierhersteller sowie Unternehmen aus der Telekommunikation.

 

Vattenfall bemerkt hierbei jedoch auch eine Veränderung der aktiven Marktteilnehmer. "Klassisch waren es vor allem energieintensive Industrien wie Stahl, Chemie oder Automobil", so zu Putlitz. Diese Branchen agierten momentan jedoch vorsichtiger. Gleichzeitig trete der Mittelstand stärker in den Markt ein. Auch Unternehmen mit direktem Endkundenkontakt - etwa aus der Lebensmittel-, Getränke- oder Haushaltsgeräteindustrie - fragten verstärkt nach langfristigem Grünstrom, um ihre Lieferketten zu dekarbonisieren.

 

Herausforderungen beim Abschluss eines PPAs

 

Trotz der strategischen Bedeutung bleiben PPAs komplexe und langfristige Entscheidungen. Typische Vertragslaufzeiten bewegen sich derzeit zwischen zehn und 15 Jahren. "Wir sehen in der Breite aber einen wachsenden Bedarf an flexibleren, individuelleren PPA-Laufzeiten", so Schröder. Viele Industriekunden möchten laut Statkraft keine starre zehnjährige Lieferung zum Fixpreis mehr, sondern grünen Strom, der in ihre rollierenden Beschaffungs- und Hedgingstrategien passt.

 

Dies beschrieb auch Polster: "Heute stellt sich die Frage: Gehe ich einen zehn- oder 15-jährigen Vertrag ein, ohne genau zu wissen, wie mein Geschäftsmodell in dieser Zeit aussieht?" Wer jedoch eine klare Vorstellung von seiner langfristigen Standortstrategie habe, könne mit PPAs Kosten stabilisieren und gleichzeitig "einen Beitrag zum Gelingen der Energiewende leisten".

 

Finanzierung das große Fragezeichen

 

Auch Vattenfall-Chefin zu Putlitz teilt diese Meinung: "Wir bevorzugen eher kürzere Laufzeiten, weil sie eine bessere Planbarkeit für beide Seiten ermöglichen", sagte sie. Gleichzeitig müssen Unternehmen bei solchen Laufzeiten erhebliche Unsicherheiten berücksichtigen. Denn eine zentrale Hürde liege derzeit in der Finanzierung und Risikoverteilung. Insbesondere bei großen Projekten, etwa im Offshore-Bereich, spielen Bonität und Kreditabsicherung eine entscheidende Rolle. "Gerade mittelständische Unternehmen stoßen hier an Grenzen", sagte zu Putlitz. Bürgschaften seien teuer, während staatliche Absicherungsinstrumente bislang fehlten. Aus Sicht vieler Marktteilnehmer könnten staatliche Garantieinstrumente oder Ausfallabsicherungen helfen, das Risiko zu reduzieren und Projekte zu ermöglichen. /hp

 

Das vollständige Interview mit Niklas Polster, Director für Power Utilities & Renewables bei Deloitte, finden Sie im heutigen Add-on in unserer Rubrik Markt & Industrie

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