Industrie: Energieeffizienz soll Importabhängigkeit lindern
München (energate) - Angesichts der neuen Preisunsicherheiten im Energiemarkt gewinnen Effizienzmaßnahmen wieder an Relevanz - insbesondere in der energieintensiven Industrie. Das Umweltinstitut München befeuert die Debatte nun mit einer neuen Studie: Demnach könnte die Industrie 40 Prozent ihres Endenergiebedarfs einsparen. Damit ließen sich die Kosten um 29 Mrd. Euro jährlich reduzieren. Kumuliert über einen Zeitraum von 20 Jahren summiert sich das Einsparpotenzial auf 250 Mrd. Euro. Um diese Potenziale zu erschließen, wären allerdings Upfront-Investitionen in Höhe von etwa 104 Mrd. Euro erforderlich.
Vielzahl von Hebel für mehr Effizienz
Als zentrale Hebel für eine verbesserte Energieeffizienz führen die Autoren der Studie eine Vielzahl von möglichen Maßnahmen an. Dazu gehören Wärmedämmung, Abwärmenutzung, verbessertes Nutzungsverhalten und eine optimierte Steuerung. Auch die Elektrifizierung gilt als Schlüssel: "Die Umstellung auf Wärmepumpe ist besonders im Wärmebereich bis 200 Grad eine wichtige Maßnahme", schreibt das Umweltinstitut. Die gesamte Einsparung durch Elektrifizierung von Prozessen bei den Wärmeanwendungen mache etwa 20 Prozent der gesamten Effizienzgewinne aus.
Die Einsparpotenziale sind dabei in vielen Unternehmen bereits bekannt, sie seien im Rahmen gesetzlicher Energieaudits identifiziert worden. "Angesichts der aktuellen Preissprünge bei den Energiekosten dürften die Amortisationszeiten derzeit noch günstiger ausfallen", sagte Leonard Burtscher, Referent für Energiepolitik am Umweltinstitut. Neben dem Münchner Institut gehören auch die Klimaschutzorganisation Bellona und die Deutsche Umwelthilfe (DUH) zu den Initiatoren der Studie, die die Hochschule Niederrhein in ihrem Auftrag erstellt hat.
Energieimporte reduzieren, Arbeitsplätze schaffen
Die Studie betont zugleich, dass die vorgeschlagenen Innovationen auch die Abhängigkeit der deutschen Wirtschaft vom Import fossiler Energieträger deutlich reduzieren könnten. Laut Schätzungen der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen (Ageb) lag diese Importabhängigkeit Deutschlands bei 65,6 Prozent. Gewinne sehen die Studienautoren indes bei der Schaffung neuer Arbeitsplätze, der Steigerung von Produktivität und einer Aufwertung des Kapitalstocks. "Investitionen in Energieeffizienz verlagern außerdem Kapitalflüsse aus dem Ausland ins Inland", prognostizierte Burtscher. "Darüber hinaus profitieren von Effizienzinvestitionen zuvorderst deutsche Mittelständler, die hocheffiziente Motoren, Pumpen oder Kühltechnik herstellen, installieren und warten."
Trotz aller Vorteile, die eine konsequente Energieeinsparung bietet, sehen die Forscher klare Hindernisse bei der Umsetzung. Neben Liquiditätsbeschränkungen seien dies auf betrieblicher Ebene insbesondere fehlende Personalkapazitäten und der Wunsch nach kurzen Amortisierungszeiten. "Die Politik muss jetzt einen stabilen Investitionsrahmen für Energieeffizienzmaßnahmen schaffen", forderte Umweltforscher Burtscher. Bestehende Effizienzregeln für Unternehmen dürften jetzt nicht aufgeweicht werden. Konkret schlägt Burtscher vor, die staatlichen Vergünstigungen sowie Zuschüsse zu den Energiekosten zu streichen und die freiwerdenden Mittel auf die Energieeffizienzfördermaßnahmen zu verteilen. Ein solches Vorgehen hätte den Charme, "dass keine zusätzlichen Bundesmittel aufgewendet werden müssten", warb Burtscher. /Rainer Kreuzer