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Im Spagat: Wenn Klimatransformation zur Standortfrage wird

Essen (energate) - Klimaneutralität ist einfach - man könne schließlich einfach sinngemäß die Industrie ausbluten lassen. Diese zugespitzte These stellte Christian Mildenberger, Geschäftsführer von NRW.Energy4Climate, während des energate-Meetups "Industriestandort im Spagat: Zwischen Klimatransformation, Kostendruck und internationaler Wettbewerbsfähigkeit" in den Raum. Er traf damit den Nerv einer Debatte, die an diesem Abend das Spannungsfeld zwischen industriepolitischen Klimaneutralitätspfaden und der wirtschaftlichen Realität aufzeigte.

 

Deutlich wurde: Die Bundesregierung sucht weiterhin nach einem schlüssigen industriepolitischen Kurs. Doch während die öffentliche Diskussion Klimaschutz und Wettbewerbsfähigkeit gerne als unvereinbare Gegensätze aufmacht, müssen Unternehmen in der Praxis Entscheidungen treffen: investieren oder abwarten, transformieren oder verlagern. Beim Vorabend-Event des energate-Forums diskutierten daher Vertreter aus Industrie, Energiewirtschaft und Beratung, wie sich dieses Spannungsfeld auflösen lässt. Sie kamen zu einem Befund, der so eindeutig wie unbequem ist: Die grüne Transformation kann sich rechnen, aber nicht für jeden und nicht unter jeder Bedingung.

 

Kein Gegensatz, aber auch kein Selbstläufer

 

Den Einstieg lieferte Nico Bajorat, Leiter Energie und Nachhaltigkeit bei WHW Hillebrand. Das Unternehmen, das auf die Veredelung von Hochleistungsoberflächen für metallische Konstruktionen und Bauteile spezialisiert ist, verbraucht knapp 100 Mio. Kilowattstunden jährlich, hälftig Strom und Gas. Bis 2035 wollen die Soester in Scope 1 und 2 klimaneutral sein. "Wir stehen natürlich im internationalen Wettbewerb", sagte Bajorat. Er machte damit den strukturellen Rahmen auf, in dem sich alle weiteren Überlegungen des Abends bewegten: Am Ende zählen die Kosten.

 

Clemens Rohde, Leiter der Abteilung Zukünftige Energie- und Industriesysteme des Wuppertal Instituts, widersprach der in der öffentlichen Debatte verbreiteten These, Klimaschutz und Wettbewerbsfähigkeit stünden in einem Gegensatz. "Wenn wir als Standort Deutschland wettbewerbsfähig sein wollen, müssen wir uns auch voll dieser Herausforderung des Klimaschutzes stellen und als etwas Positives annehmen." Auch die internationale Konkurrenz denke Klimaschutz längst als strategische Frage der Energieunabhängigkeit mit. Ein Argument, das dem verbreiteten Narrativ des einseitigen deutschen Sonderwegs entgegenstehe. Kurzfristige Entlastungseffekte seien zwar möglich, so Rohde, aber die entscheidende Frage laute: "Wo stehen wir in fünf Jahren, in zehn Jahren, in 15 Jahren als Standort?".

 

Dezentrale Lösungen: wirtschaftlich attraktiv, aber voraussetzungsreich

 

Markus Hagedorn, Director Energy Solutions bei Greenflash, schilderte, wie intelligent abgestimmte Energiesysteme Industrieunternehmen heute bereits spürbare Kostenentlastungen ermöglichen. Batteriespeichersysteme amortisierten sich beispielsweise bereits nach unter fünf Jahren. Bajorat hatte dazu auch ein Praxisbeispiel im Gepäck. Ein unvorhergesehener Produktionsabruf aus der Automobilindustrie ließe Maschinen und Anlagen kurzfristig hochfahren und erzeuge erhebliche Leistungsspitzen, die über die Netzentgelte dauerhaft zu Buche schlagen. Ein Batteriespeicher könne hier gegensteuern und rechne sich allein dadurch.

 

Bajorat bestätigte dies aus eigener Erfahrung: WHW Hillebrand plant gemeinsam mit Greenflash eine 1,5-MW-Photovoltaikanlage am Hauptstandort. Was früher als strategisches Nischenthema galt, sei heute ein ernst genommenes Investment. Auch weil Großkunden zunehmend Fragen nach Eigenerzeugungs- und CO2-Anteilen stellten. Investitionszyklen, die vor wenigen Jahren mit einem Payback von fünf Jahren keine Chance in der Geschäftsführung und beim Aufsichtsrat gehabt hätten, seien heute genehmigungsfähig.

 

Dass gut gemeinte Ansätze aber auch an regulatorischen Details scheitern können, zeigte Bajorat an einem konkreten Beispiel: Eine nahe gelegene Deponie errichtet eine 20-MW-PV-Anlage. WHW Hillebrand hätte den Strom als Dauerbasisnehmer sofort in Teilen abnehmen können. Die Stromsteuerbefreiung für die Kundenanlage wurde jedoch abgelehnt, womit sich der lokale Grünstrom gegenüber dem bilanziellen Netzbezug nicht mehr rechnete.

 

Der Einwand aus dem Publikum: Wenn Flexibilität keine Option ist

 

Die Grenzen dieses Ansatzes benannte Ulf Gehrckens, Executive Vice President Corporate Energy & Climate Affairs bei Aurubis AG, in einem Wortbeitrag aus dem Publikum. Wer 8.760 Stunden im Jahr konstanten Strom benötige, könne seine Produktion nicht nach Sonne und Wind ausrichten. Wer das dennoch versuche, brauche doppelt so große Anlagen, um dieselbe Kupfermenge zu produzieren. Die Folgen: doppelte Investitionskosten, doppelte Abschreibungen. Und dass, während amerikanische Wettbewerber denselben Strom für 3,5 Cent je Kilowattstunde beziehen und sich um Anlagenauslastung keine Gedanken machen müssten. Er kritisierte daher auch die Politik deutlich. Seiner Meinung nach seien die Kosten der Energiewende für energieintensive Industrien nie ehrlich kommuniziert worden.

 

Mildenberger, der als Geschäftsführer von NRW.Energy4Climate für die Transformation auf Landesebene mitverantwortlich ist, wich dem Einwand nicht aus. Er räumte ein, dass die Kostenstruktur für Unternehmen wie Aurubis eine grundlegend andere sei als für den Mittelstand, wo dezentrale Lösungen greifen könnten. Zugleich forderte er auch von der Grundstoffindustrie einen aktiveren Eigenbeitrag, etwa durch Windkraftanlagen auf dem Betriebsgelände, bei denen keine Netzkosten anfallen. Gehrckens implizite Replik war jedoch unmissverständlich: Das größte Solarpark-Projekt von Aurubis stehe in Bulgarien - eben weil die Rahmenbedingungen dort passten, in Deutschland jedoch nicht.

 

Verlässlichkeit als Schlüsselbedingung

 

In diesem Punkt schloss sich Rohde der strukturellen Analyse an. Wettbewerbsfähige Strompreise für energieintensive Industrien, die mit nordamerikanischen Standorten mithalten könnten, seien in Deutschland schlicht nicht realistisch, so der Wuppertaler Professor. Die Frage, ob energieintensive Grundstoffindustrien am Standort Deutschland gehalten werden sollten, sei daher "im Wesentlichen eine industriepolitische Frage". Damit beschäftigen müsse sich nicht nur die aktuelle, sondern auch künftige Bundesregierungen. Wer diese Industrien wolle, müsse die entsprechenden Rahmenbedingungen dauerhaft und verlässlich setzen.

 

Denn Einigkeit bestand unter den Diskutanten in diesem Punkt: Was die Transformation am stärksten hemmt, ist fehlende Planungssicherheit. Rohde kritisierte, dass politische Signale und erklärte Ziele nicht zueinander passten: "Was wir brauchen ist Verlässlichkeit." Werde ein Instrument wie der Emissionshandel politisch infrage gestellt, verschrecke das genau jene Unternehmen, die frühzeitig auf Transformation gesetzt hätten und untergrabe das Investitionsklima für alle anderen. /rh

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