Hohe Gaspreise verschieben Merit Order
Essen (energate) - Durch die hohen Gaspreise kommt es derzeit zu einer Verschiebung der Merit Order im Strommarkt. Das erklärten mehrere Kraftwerksbetreiber auf Anfrage von energate. Das bedeutet: Statt Gaskraftwerken produzieren nun öfter auch Kohlekraftwerke. An der langfristigen Perspektive - Gas als Mitspieler der Erneuerbaren - ändere dies aber nichts.
Zwar ist durch den Krieg im Iran auch der Kohlepreis gestiegen, aber in deutlich geringerem Maße als der Gaspreis, wie sich aus unserem Marktdatenbereich entnehmen lässt. Die Verschiebungen ergäben sich zudem nicht nur aus den höheren Gaspreisen, sondern auch im Zusammenspiel mit rückläufigen Preisen für Emissionszertifikate, ordnete ein Sprecher der Steag Iqony im Gespräch mit energate ein. Diese sind zuletzt gefallen, unter anderem wegen der Aussicht auf eine Reform der Marktstabilitätsreserve (MSR) und eine mögliche Aufweichung des Emissionshandels.
Gaskraftwerke verteilen sich innerhalb der Merit Order
Welche Erzeugungsart sich vor ein Gaskraftwerk schieben könne, sei davon abhängig, wo in der Merit-Order-Kurve sich dieses befinde, so der Sprecher weiter. Das einzige Gaskraftwerk des Unternehmens, die erst 2022 in Betrieb genommene GuD-Anlage Herne, könne aber wirtschaftlich betrieben werden. Sie positioniere sich innerhalb der Merit Order im vorderen Bereich der Gaskraftwerke.
Die Merit Order zeigt an, in welcher Reihenfolge Kraftwerke für die Stromerzeugung eingesetzt werden. Da Wind- und Solaranlagen keine Brennstoffkosten haben, rangieren sie vor thermischen Anlagen, die Gas, Kohle oder Müll verfeuern. Bei Letzteren stehen abfallbetriebene Anlagen an erster Stelle, wie eine Merit-Order-Kurve der Forschungsstelle für Energiewirtschaft für Ende Januar 2026 zeigt. Früher, bevor der Emissionshandel volle Wirkung zeigte, folgten nach der Müllverbrennung meist Braun- und Steinkohlekraftwerke in der Merit Order. Mittlerweile haben sich Gaskraftwerke - je nach Effizienz - deutlich nach vorne geschoben. Insbesondere für Kraftwerke mit Kraft-Wärme-Kopplung - also GuD-Anlagen wie das Kraftwerk in Herne - fallen geringere Grenzkosten an, da diese durch Erlöse von produzierter Wärme ihre Strom-Grenzkosten senken können. In den letzten Wochen drehte sich das Bild des Öfteren. Ein Problem für die Kraftwerksbetreiber und die Zukunft der Kraftwerksausschreibungen?
Gaskraftwerke weiter wichtig
Ein Sprecher des Kraftwerksbetreibers Uniper wies gegenüber energate darauf hin, dass Gaskraftwerke zwar in Phasen mit sehr hohen Gaspreisen prinzipiell seltener eingesetzt würden. Sie kämen aber zum Einsatz, wenn sie systemisch benötigt werden - etwa zur Absicherung der Versorgung in Zeiten geringer Einspeisung aus Wind und Sonne. "Gaskraftwerke bleiben damit auch bei hohen Preisen ein zentraler Flexibilitäts- und Sicherheitsanker im Stromsystem", so der Sprecher.
Die systemische Bedeutung der Gaskraftwerke betonte auch eine Sprecherin der EnBW Energie Baden-Württemberg. Diese gelte insbesondere für KWK-Anlagen, die auch Heizenergie zur Verfügung stellen. Der Energiekonzern stellt aktuell mehrere Kohlestandorte auf wasserstofffähige Gaskraftwerke um, Stuttgart-Münster läuft inzwischen kohlefrei.
Gaspreise nur ein Bewertungsfaktor für neue Anlagen
Auf die Planung für Gaskraftwerke im Rahmen der Kraftwerksausschreibungen scheinen die aktuellen Gaspreise hingegen nur geringe Auswirkungen zu haben. Sowohl Steag Iqony als auch Uniper verwiesen hier auf die langen Planungshorizonte. Die langfristigen Auswirkungen seien aktuell noch nicht seriös bewertbar, erklärte Steag Iqony, und weiter: "Wir gehen aktuell davon aus, dass sich nach einer Befriedung des Konflikts und einer nachlaufenden Normalisierungsphase wieder ein Gaspreisniveau auf ähnlicher Höhe wie vor Beginn des Iran-Kriegs einstellen kann."
Von EnBW hieß es, langfristige Gaspreise flössen in Wirtschaftlichkeitsrechnungen ein, seien aber nicht alleine ausschlaggebend. "Entscheidend ist auch ein verlässlicher, langfristiger regulatorischer Rahmen, der Investitionen in flexible, perspektivisch klimaneutrale Kraftwerke ermöglicht." Auch Uniper unterstrich die Bedeutung von Planungssicherheit. Dazu beitragen könnten entsprechende Absicherungsmechanismen, die die Bereitstellung gesicherter Leistung honorieren.
Hochpreisphase treibt Merit-Order-Diskussion
Einen Effekt haben die aktuellen Preise aber ohne Zweifel. Ähnlich wie in der Gaskrise 2022/23 steht die Merit Order derzeit wieder in der Diskussion. Denn dieses wirtschaftliche Prinzip zeigt nicht nur, welche Kraftwerke zur Stromversorgung beitragen, sondern es bestimmt auch das Preisniveau: Es ist immer das teuerste Kraftwerk preisgebend, das gerade noch am Markt zur Versorgung notwendig ist. Das stört insbesondere Länder wie Österreich mit einem hohen Anteil erneuerbarer Energien. Das Problem: Selbst wenn sich ein Land ganz überwiegend mit eigentlich günstigem Ökostrom versorgt, bezahlen die Kunden doch den durch fossile Kraftwerke festgelegten hohen Strompreis.
Österreichs Energie-Staatssekretärin Elisabeth Zehetner (ÖVP) setzt sich daher mit anderen süd- und südosteuropäischen Ländern auf EU-Ebene für eine Weiterentwicklung der bestehenden Regeln ein. Dabei geht es ihnen vornehmlich um das Zusammenspiel von Emissionshandel (ETS) und Merit Order - die Zehetner beide, einzeln betrachtet, nicht infrage stellt. "Das Problem liegt im Zusammenspiel beider Systeme: Wenn fossile Kraftwerke den Preis setzen, schlägt der CO2-Preis automatisch auch auf sauberen Strom durch", erklärte sie. Einen Teilerfolg hat die Initiative erreicht: Die EU beschloss Mitte März befristete Änderungen des ETS 1 zur Stabilisierung der Energiepreise.
Alternativen mit Risiken
Doch wie ließe sich die Merit Order selbst weiterentwickeln? In der Diskussion sind mehrere Vorschläge - darunter beispielsweise das griechische Modell. Hier gibt es getrennte Märkte für erneuerbare Energien und fossile Kraftwerke. Bei neuen Ansätzen ergäben sich jedoch auch neue Fragen und Risiken, mahnte Energieökonom Lion Hirth von der Berliner Hertie School bei einer Veranstaltung von Oesterreichs Energie in Wien. So stellten sich Fragen zur Zuteilung des verbilligten Stroms und zu möglichen Rationierungen.
Die Mittelstandsinitiative EE-Industrie, die eigene grüne Stromprojekte plant, würde eine Reform der Merit Order begrüßen, auch wenn sie keine strikte Trennung der beiden Märkte - erneuerbare Energien und fossile Kraftwerke - fordert. "Ich denke an ein Modell, in dem die teuersten Kraftwerke ab einem bestimmten Preisniveau aus der Preisbildung herausgenommen und deren Einsatzkosten über den Kapazitätsmarkt beglichen werden", so Kai Gent, Geschäftsführer der Mittelstandsinitiative EE-Industrie, im energate-Interview. /sd