Gesetzesstau verteuert Finanzierung von Erneuerbaren
Frankfurt am Main (energate) - Redispatch-Vorbehalt, EEG-Umstellung, eine neue Netzentgeltsystematik. Die Finanzierung von Wind-, Photovoltaik- und Batteriespeicherprojekten steht derzeit vor einigen Unsicherheitsfaktoren, die vor allem aus einer fehlenden finanziellen Planbarkeit herrühren. Das sieht auch Peer Günzel, Mitglied der Geschäftsführung bei der Deutschen Anlagen-Leasing (DAL), so. "Wenn eine verlässliche Datengrundlage vorhanden ist, lassen sich Investitionen fundiert bewerten und finanzieren. Ohne nachvollziehbare Zahlen lässt sich kein nachhaltiger Finanzierungscase aufstellen", sagte Günzel im Gespräch mit energate.
Zahlreiche Gesetzesvorhaben in der Schwebe
Doch genau diese Zahlen fehlen aktuell sowohl Banken als auch Projektierern. Zwar stehen die Ausbauziele bis 2030 politisch zumindest nach außen auf festen Beinen. Jedoch hängen grundsätzliche Gesetzesvorhaben teilweise seit Jahren in der Schwebe - die Kraftwerksstrategie lässt grüßen - oder gelangten in frühen Entwurfsstadien an die Öffentlichkeit und sorgten branchenweit für viel Unruhe. Im sogenannten Netzpaket rüttelt das Wirtschaftsministerium am Erneuerbaren-Vorrang beim Netzanschluss und sorgte zudem für weitere Verunsicherung durch den Vorschlag eines Redispatch-Vorbehalts.
Die Bundesnetzagentur wiederum öffnete im Zuge des AgNes-Prozesses die Debatte über den Vertrauensschutz bei der Netzentgeltbefreiung für Batteriespeicher. Auch das Zusammenspiel von flexiblen Netzanschlussvereinbarungen (FCAs), dynamischen Netzentgelten und Baukostenzuschüssen ist bislang ungeklärt. Außerdem steht eine EEG-Novelle an, in der Deutschland auf Druck der EU Contracts for Difference (CfDs) einführen muss. Die Details dieser Umstellung sind bislang offen - obwohl die EEG-Novelle eigentlich noch im ersten Quartal auf der Tagesordnung des Bundeskabinetts landen sollte. Geschehen ist aber nichts. Wie aus dem politischen Berlin zu hören ist, steckt die Novelle noch immer in der Frühkoordinierung.
Höhere Eigenkapitalquoten notwendig
Günzel betonte daher mehrmals im Gespräch, dass politische und regulatorische Klarheit für die Finanzierung von Projekten unabdingbar seien. Denn die Folgen spüren die Projektierer bereits heute im Geldbeutel. Zwar stehe die Bank ihren Kunden weiterhin zur Verfügung. "Allerdings finanzieren wir deutlich konservativer, mit geringeren Fremdkapitalquoten und höheren Risikoaufschlägen", so der Bankexperte für die Finanzierung von Energieprojekten. Die Folge: Die Anforderungen an Eigenkapitalgeber steigen. Auch die DAL selbst ist von diesen Unklarheiten betroffen. Das Institut ist einer der wenigen Finanzierungspartner, die auch Co-Eigenkapitalfinanzierungen anbieten. An zwei Photovoltaikprojekten mit 54 und 114 MW ist die DAL mit Eigenkapital beteiligt. Für die Zukunft stehen solche Projekte derzeit jedoch "auf Hold", wie Günzel sagte.
Steht eine Marktkonsolidierung bevor?
Die Auswirkungen solcher Entwicklungen dürften vor allem kleinere Akteure treffen. Je mehr Eigenkapital für die Projektfinanzierung benötigt wird, desto schwieriger wird es für Unternehmen jenseits der großen Konzerne, dieses zu beschaffen. Die Marktvielfalt steht also auf dem Spiel und im schlimmsten Fall drohen Insolvenzen. Dafür gibt es bereits erste Anzeichen. Insbesondere im Windsegment erwarten Branchenbeobachter eine Konsolidierungswelle. Denn die CfD-Umstellung trifft Windprojektierer besonders hart, wie auch Christoph Illig, Leiter Energiewirtschaft bei der Deutschen Kreditbank, gegenüber energate erklärte.
Im Markt lässt sich derzeit daher ein harter Wettkampf beobachten. Die letzten Windauktionen der Bundesnetzagentur waren allesamt deutlich überzeichnet. Der Genehmigungsturbo der letzten Jahre zeigt seine Wirkung und die Projektierer wollen noch vor der EEG-Reform ein erfolgreiches Gebot absetzen. In der Folge sinken die Gebotsmengen, bei der letzten Februar-Auktion lag der Durchschnittswert bei gerade einmal 5,54 Cent/kWh. Ein Jahr zuvor lag der Wert noch bei 7 Cent/kWh. Die Gesamtsituation zeigt erste Wirkungen: Abo Energy schreibt tiefrote Zahlen, die MVV-Tochter Juwi kündigte zuletzt eine strategische Neuausrichtung an und auch PNE muss sparen.
PV-Markt derzeit kaum finanzierbar
Besonders dramatisch wird die Situation dadurch, dass es laut Günzel eigentlich Windprojekte sind, die derzeit noch gut laufen. Der hohe Wettbewerbsdruck erfordert auch dementsprechend viele Finanzierungen. Sowohl DAL als auch DKB erlebten in den vergangenen Jahren einen Hochlauf der Windfinanzierungen. Deutlich schlechter sieht es bei der Freiflächen-PV aus. Jörn Constantin Richstein, Research Lead für paneuropäische Strommarktanalyse bei Aurora Energy Research, prognostizierte im Gespräch mit energate das Ende der "nackten" PV-Anlage - also von PV ohne Speicher.
Auch Günzel sieht derzeit keinen Markt für große Freiflächen-PV-Anlagen. Diese gebe es "praktisch nicht mehr", so der Fachmann. Er beobachte zusätzlich einen deutlichen Rückgang an Solar-PPAs in den vergangenen drei Jahren. Auf die Frage, ob er an ein Comeback der Freiflächen-PV glaube, zeigte sich Günzel zurückhaltend. "Bis vor Kurzem hätte ich gesagt, PV kommt ab 2027 wieder. Aktuell ist die Unsicherheit jedoch so groß, dass sich selbst diese Einschätzung schwer aufrechterhalten lässt."
Batteriespeicher und Industrielösungen als Heilmittel?
Etwas optimistischer zeigte sich Günzel jedoch beim Thema Batteriespeicher. Die Debatte um den Vertrauensschutz ist aktuell in aller Munde. Die Trianel, Vattenfall oder auch Statkraft hatten angedroht, aufgrund der regulatorischen Unsicherheiten Großbatteriespeicher mit dreistelligen Millioneninvestitionen nicht weiterverfolgen zu wollen. Günzel zeigte sich bei diesem Thema entspannter. "Solange eine gewisse Planbarkeit gewährleistet ist, ist das handhabbar", sagte er. Als Banker betrachte er die Cashflows über einen Zeitraum von rund zehn Jahren. Sei es absehbar, dass der erzielbare Umsatz während der Kreditlaufzeit sinkt, finde das im Business-Case Berücksichtigung. "Der Investor muss dann entscheiden, ob er mit mehr Eigenkapital reingehen kann und will. Das ist lösbar." Zuletzt gab es wahrscheinlich auch deshalb eine Welle an Investoreneinstiegen bei jungen Batteriespeicher-Start-ups.
Trotz dieses herausfordernden Umfelds hatte Günzel nicht nur schlechte Nachrichten im Gepäck. Die angespannte Lage führe dazu, dass "geneigte Investoren im Moment Projektrechte zu relativ geringen Preisen akquirieren können und dies auch tun". Er sieht daher für kapitalstarke Unternehmen auch Chancen. Die DAL selbst stellt sich unterdessen breiter auf und setzt verstärkt auf Industrielösungen. Im Zuge des Ukraine- und des Iran-Konflikts habe sich gezeigt, dass Unternehmen mit hohen Energieverbräuchen zunehmend Autarkielösungen verfolgten, erklärte Günzel. Für diese Kundengruppe entwickle das Unternehmen daher immer häufiger maßgeschneiderte Lösungen. /rh
Das komplette Interview mit Peer Günzel lesen Sie in unserem heutigen M&I-Add-on.