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Gefahr von Fehlsteuerungen durch den Südbonus

Aachen/Cottbus (energate) - In die Debatte um einen Südbonus bei den Kraftwerksausschreibungen kehrt keine Ruhe ein. In einer gemeinsamen Studie von Fraunhofer IEG und Consentec warnt das Autorenteam vor Fehlanreizen bei der Standortwahl durch die anteilige Werteverbrauchsvergütung. Diese könnte in einigen süddeutschen Regionen so hoch ausfallen, dass sie dem geplanten Südbonus entspreche oder ihn sogar übertreffe. "Bei der Ausgestaltung der Ausschreibung sollte darauf geachtet werden, ungewollte Fehlanreize zu vermeiden", sagte Mario Ragwitz, Leiter des Fraunhofer IEG.

 

Ungewissheit über Ausgestaltung des Südbonus

 

Beim Südbonus geht es darum, bei den Ausschreibungen im Rahmen der Kraftwerksstrategie die Zuschlagswahrscheinlichkeit für Anlagen im netztechnischen Süden zu erhöhen. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) hatte im vergangenen Jahr einen starken Südbonus versprochen. "Wir planen einen Südbonus, sodass zwei Drittel der insgesamt ausgeschriebenen Kapazität im netztechnischen Süden gebaut werden", sagte Reiche im Juli 2025 bei einer Klausurtagung des bayerischen Kabinetts am Tegernsee. Wie das genau aussehen soll, ist bislang aber noch unklar. Zwar hatte das Wirtschaftsministerium nach der Grundsatzeinigung mit der EU über die Kraftwerksstrategie schnelle Auktionen versprochen. Ein Gesetzesentwurf fehlt bislang aber noch immer. Eine energate-Anfrage beim Bundeswirtschaftsministerium zum Stand der Kraftwerksstrategie blieb bis zum Redaktionsschluss unbeantwortet.

 

Die Ampelkoalition war da schon einen Schritt weiter. Sie schlug vor, den Südbonus als fixen Reduktionswert auszugestalten, der sich mindernd auf die bei der Gebotsreihung ausschlaggebende Zuschlagskennziffer auswirkt. Diese ergibt sich aus dem Gebotswert auf eine spezifische Investitionskostenförderung je installierter Kraftwerksleistung. Die Höhe des Reduktionswertes sollte sich an den systemischen Kosteneinsparungen einer regionalen Steuerung orientieren. Die Ampelkoalition sah eine Größenordnung von 200 bis 300 Euro pro kW installierter Leistung des Angebotes vor.

 

Studie befürchtet Überkompensation

 

An diesen Überlegungen der Ampelkoalition setzt die Studie an, die im Auftrag des ostdeutschen Energiekonzerns Leag erstellt wurde. Sie befürchtet eine Doppelförderung süddeutscher Kraftwerke und begründet dies mit der strukturellen Aufstellung der Redispatch-Vergütung. Diese sieht neben der Entschädigung der operativen Kosten auch eine Kompensation des anteiligen Werteverbrauchs als jährliche Fixkostenerstattung vor. Anders ausgedrückt: Anlagenbetreiber werden innerhalb des Netzengpassmanagements dafür entschädigt, dass durch die Redispatch-Maßnahme das betroffene Kraftwerk eine zusätzliche Abnutzung erhalten hat. Da Redispatch vor allem im netztechnischen Süden anfällt, werden diese Anlagen auch besonders häufig über den anteiligen Werteverbrauch kompensiert.

 

Da die Investitionskosten für Kraftwerke in den vergangenen Jahren deutlich angestiegen sind und dies weiterhin tun, könnte die Werteverbrauchsvergütung in der Gegend um Schwaben bei bis zu 399 Euro/kW landen, schreiben die Autorinnen und Autoren. Ein Wert, der weit oberhalb des Rahmens von 200 bis 300 Euro/kW aus dem Südbonus-Konzept der Ampelkoalition liegt. Dabei nimmt die Studie Investitionskosten von 900 Euro/kW an. Werden diese halbiert und auf 470 Euro/kW gesetzt, sinken auch die Werteverbrauchsvergütungen deutlich und landen in Schwaben bei 208 Euro/kW. "Unsere Analysen zeigen, dass bestehende und geplante Fördermechanismen sorgfältiger aufeinander abgestimmt werden müssen", sagte Thorsten Spillmann, Projektleiter am Fraunhofer IEG. Ansonsten bestehe die Gefahr, dass der Kraftwerkszubau, der auch im netztechnischen Norden wichtig sei, behindert werde.

 

Werteverbrauchsvergütung könnte volkswirtschaftlich negativ sein

 

Die Forschenden stellen dabei heraus, dass die Werteverbrauchsvergütung ein Risiko für eine effiziente Förderung darstellt. Denn wenn Kraftwerksbetreiber die schwer kalkulierbaren zusätzlichen Erlöse bei der Gebotsabgabe berücksichtigen, entstehen Unsicherheiten, die die Kapitalkosten steigen lassen können. Werden die zusätzlichen Erlöse jedoch nicht berücksichtigt, drohen später überhöhte Zahlungen und damit Mehrkosten für die Allgemeinheit. In beiden Fällen droht jedoch das Szenario, dass Investitionen bewusst stärker in den Süden gelenkt werden, als es der Südbonus eigentlich vorsieht.

 

Mögliche Lösung für dieses Problem könnte es sein, neu auszuschreibende Anlagen von der anteiligen Werteverbrauchsvergütung auszunehmen, heißt es in der Studie. Auch eine verpflichtende Rückzahlung der erhaltenen Vergütung im Rahmen des beihilferechtlich ohnehin notwendigen Clawback-Mechanismus bringen die Forschenden als Lösung ins Spiel.

 

Warnungen vor dem Südbonus vor allem aus dem Osten

 

Der Südbonus ist seit Langem umstritten. Ende Februar kritisierte Dirk Biermann, COO des Übertragungsnetzbetreibers 50 Hertz, den Südbonus als "ein gefährliches Instrument". Zwar sei eine Aufteilung von einem Drittel der gesicherten Leistung im Norden und zwei Dritteln im Süden "Common Sense" unter den Übertragungsnetzbetreibern, so Biermann. Da aber die konkrete Ausgestaltung der Kraftwerksstrategie fehlt, ist es denkbar, dass der netztechnische Süden weit mehr als die benötigten zwei Drittel an Zuschlägen bekommt. Denn nach jetzigem Stand ist es möglich, dass sich auch südliche Kraftwerke in dem Drittel durchsetzen, das eigentlich für den netztechnischen Norden vorgesehen ist. Dies bestätigte eine Sprecherin von 50 Hertz auf energate-Anfrage. 

 

Genau deshalb kommen aus dem Osten der Bundesrepublik immer wieder Warnungen vor dem Südbonus, die durch die Studie weiter gefüttert werden. "Unsere energieintensive Chemieindustrie ist auf eine stabile und günstige Stromversorgung angewiesen. Ich warne deshalb davor, den Osten beim Bau neuer Kraftwerke zu vernachlässigen", sagte etwa Sachsen-Anhalts Energieminister Armin Willingmann (SPD). Auch Adi Roesch, Vorstandsvorsitzender der Leag, sagte gegenüber energate, dass der Nordosten der Republik trotz Südbonus nicht vergessen werden dürfe. Die Leag plant, im Zuge der Kraftwerksausschreibungen mit 2 GW ins Rennen gehen zu wollen. Katherina Reiche gab sich während eines Besuchs des Kraftwerksstandorts Schwarze Pumpe versöhnlich. "Gaskraftwerke in der Lausitz werden gebraucht und werden auch gebaut", sagte sie bei einem gemeinsamen Pressetermin mit Leag-Chef Roesch und Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) im August 2025. /rh

 

Die Studie können Sie hier herunterladen.

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