Gasvertrieb: Lieferanten sehen keine Krise 2.0
Berlin (energate) - Auch wenn vereinzelt Energieanbieter ihren Gas- und Stromvertrieb auf den Vergleichsportalen unterbrechen, bleiben viele andere gelassen. Eon Deutschland, die mit ihren zwei Discountermarken bundesweit liefert, schränkt ihre Neukundenakquise jedenfalls nicht ein. "Wir verfolgen sowohl bei Eprimo als auch bei E-wie-einfach eine langfristige Beschaffungsstrategie, weshalb wir keine direkten Abhängigkeiten von den kurzfristigen Spotmärkten sehen", erläuterte ein Konzernsprecher auf energate-Nachfrage.
Spotmarktanteil eher klein
Auch bei den Stadtwerken Krefeld, die mit der Marke Lekker Energie ebenfalls bundesweit aktiv sind, gibt es kein Umdenken - ganz im Gegenteil. "Wir gehen, wie während der Gaskrise 2022/2023, von deutlichen Kundenzuwächsen aus, wenn andere Versorger ihren Vertrieb aussetzen", so ein Stadtwerkesprecher. Der nordrhein-westfälische Kommunalversorger sichert seine Lieferverträge für Kunden ebenfalls langfristig ab. "Wir reagieren im Spotmarkt nur noch auf aktuelle Verbrauchsschwankungen wie zum Beispiel Temperaturänderungen", führte der Sprecher aus. Beim Geschäftskundenvertrieb gebe es zwar auch einige Kunden, die Spotmarktanteile in ihren Lieferverträgen vereinbart hätten. Aber diese ließen sich weiterhin "gut bewirtschaften".
Und auch in der Hauptstadt läuft der Vertrieb unverändert weiter. "Wir freuen uns über jeden Kunden, jede Kundin, die zu uns wechseln möchten", sagte eine Unternehmenssprecherin der Berliner Gasag zu energate. Alle drei Unternehmen haben spätestens seit der Gaskrise 2022/2023 feste Formate für den Austausch zwischen Beschaffung und Vertrieb inklusive Risikohandbücher. Der Stadtwerkeverband VKU bestätigt unterdessen den Trend der drei Unternehmen. Aus den Reihen der Mitgliedsunternehmen sei kein Stopp des Gasvertriebes bekannt, so ein Verbandssprecher.
Krise ist nicht vergleichbar
Befürchtungen, dass Discounter wie in der Gaskrise versuchen, im großen Stil Kunden abzustoßen, gibt es bisher nicht. Gas.de hatte im Dezember 2021 die Zahlungen an die Netzbetreiber eingestellt, worauf diese ihnen die Bilanzkreise kündigten. Betroffene Kunden fielen in die deutlich teurere Ersatzversorgung. Folge davon war, dass die Grundversorger ungeplant Gasmengen zu teuren Preisen nachkaufen mussten. In der Spitze kletterte der Gaspreis damals auf über 300 Euro/MWh, aktuell ist bisher kurzzeitig "nur" die 60-Euro-Marke überschritten worden. "Wir sehen aktuell keine strukturellen Verwerfungen, die zu einem massenhaften Rückzug einzelner Anbieter führen würden", berichtete die Gasag-Sprecherin auf Nachfrage. Die Verbraucherzentrale NRW hat die Lage unlängst ähnlich bewertet.
Laut den Stadtwerken Krefeld ist die Situation mit dem novellierten EnWG eine andere. Das Gesetz wurde mit Blick auf die Krisenerfahrungen angepasst in den Paragrafen 5, 36 und 38. "In jedem Fall wird es für unseriöse Discounter aufgrund der gesetzlichen Änderungen nicht mehr so einfach sein, aus dem Markt auszutreten", betonte der Stadtwerkesprecher. So sind inzwischen "angemessene Absicherungsstrategien" Pflicht. Die Bundesnetzagentur darf Einsicht nehmen und auch Anpassungen der Absicherungsstrategien verlangen. Im schlimmsten Fall kann sie dem Energielieferanten die Tätigkeiten "jederzeit ganz oder teilweise untersagen".
Auch der Stadtwerkeverband VKU ist mit den neuen Regelungen im EnWG zufrieden, für die er sich stark gemacht hatte. Bei Marktaustritt darf der Energielieferant die Tätigkeit nicht vor Ablauf des angezeigten Beendigungstermins beenden. Einzige Ausnahme: er hat einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens gestellt. Da die Haushaltskunden drei Monate vorher über den Marktaustritt informiert werden, können sie sich rechtzeitig einen neuen Lieferanten suchen. Gelingt ihnen das nicht, fallen sie in die Grundversorgung. Zudem könnten auch Bußgelder abschreckend wirken nach § 95 EnWG, erläuterte der VKU-Sprecher. Bis zu 1 Mio. Euro seien möglich und dies könne ausdrücklich auch Geschäftsführer bzw. die Unternehmensleitung von Lieferanten betreffen. /mt