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Gasspeicherbefüllung: Kann der Markt es richten?

Berlin (energate) - Die Füllstandsvorgaben für Gasspeicher werden der Branche wohl noch bis mindestens Ende März 2027 erhalten bleiben. Es werde "keine weitere Nachsteuerung" geben. Das kündigte Stefan Rolle, Referatsleiter für Erdgas und Krisenvorsorge im Bundeswirtschaftsministerium (BMWE), beim energate-Talk "Erdgasspeicher: Ohne Regulierung keine Versorgungssicherheit?" an. Diese Vorgaben sorgen seit Längerem für Unruhe im Gasspeichermarkt und haben zu erheblichen Marktverzerrungen geführt. Zuletzt hatten die Berater von Frontier Economics auf Basis eines Gutachtens für das BMWE sogar empfohlen, die Füllstandsvorgaben komplett abzuschaffen. Diese Hoffnung, die vielleicht der eine oder andere Marktteilnehmer hegte, machte Rolle nun ein Stück weit zunichte. "Ich kann jetzt schon versichern, wir werden das derzeit geltende Gasspeichergesetz, also die Füllstandsverordnung, vor dem 1. April 2027 nicht mehr ändern", sagte er. Wie es danach weitergeht, ist noch offen, eine maßgebliche Rolle wird dabei wohl auch Brüssel spielen.

 

Maßnahmen haben Wirkung gezeigt

 

Die Füllstandsvorgaben stressen den Gasspeichermarkt seit geraumer Zeit, zuletzt wurde insbesondere die Kritik vonseiten der Betreiber und der Ruf nach einem neuen regulatorischen Rahmen lauter. Denn vor dem Hintergrund vieler ins Leere gelaufenen Vermarktungsversuche stellt sich für die Unternehmen zunehmend die Frage der Wirtschaftlichkeit des Speicherbetriebs. Die Notwendigkeit, darauf kurzfristig zu reagieren, sieht der Referatsleiter nicht, denn für ihn funktioniere der Markt an der Stelle "außerordentlich gut". Und die Erfahrung der letzten Jahre habe gezeigt, dass es besser sei, so wenig wie möglich zu intervenieren, argumentierte Rolle. Zuletzt hatte das Wirtschaftsministerium im Mai die Vorgaben gelockert und den Zielwert zum 1. November über alle Speicher hinweg auf 70 Prozent gesenkt. Dies sei notwendig gewesen, weil das Gesetz während der Krise noch "mit heißer Nadel gestrickt" worden sei. "Es ist uns bewusst, dass wir da nicht das Optimum produziert haben", räumte der Referatsleiter ein. Die jüngsten Maßnahmen hätten nun aber Wirkung gezeigt.

 

Den Markt agieren lassen?

 

So habe sich etwa der Sommer-Winter-Spread, als Hauptursache für die schwierige Situation im Speichermarkt, erholt. In der Folge hätten auch die Speicherbuchungen - zumindest wieder leicht - zugenommen. Aber auch der Gaspreis ist im Vergleich zur Krise wieder merklich gesunken und der Handel Mitte Dezember eher tiefenentspannt. "Wir erreichen doch täglich neue Tiefstände. Wo signalisiert denn der Markt da irgendeine Knappheit?", fragte Rolle beim energate-Talk. All das zeigt seiner Meinung nach, dass "wir hier auf dem richtigen Weg sind, wenn wir den Markt agieren lassen". Der Blick auf die energate-Marktberichte der vergangenen Wochen bestätigt zumindest die Unaufgeregtheit, die derzeit im Handel herrscht.

 

Diese leicht positive Trendwende bei den Spreads seit dem Sommer sehen auch Sebastian Heinermann, Geschäftsführer der Initiative Energien Speichern (Ines), und Sascha Bühring, Leiter Energiebeschaffung bei der Berliner Gasag, grundsätzlich. Sie betonten aber beide, dass der Markt eben noch lange nicht da ist, wo er sein müsste und sollte, um Versorgungssicherheit zu gewährleisten. "Anfang Mai hatten wir wieder einen leicht positiven Spread, so um die zwei Euro. Aber auch der reicht zur Befüllung der Speicher nicht aus", erklärte Bühring. Er plädierte vor diesem Hintergrund für ein Instrument, das nicht auf die Marktpreise referenziert, sondern eher auf den Erhalt der Assets. Auch Heinermann betonte an der Stelle nochmal die Notwendigkeit der staatlichen Moderation, deren Ausgestaltung aber noch zu diskutieren sei.

 

Versorgung Bayern löst keine Bauchschmerzen aus

 

Die schleppende Befüllung hat jedenfalls unter dem Strich dazu geführt, dass zwar die Speicher insgesamt ihre Füllstandsvorgabe von 70 Prozent erreicht haben, einzelne Speicher aber - vor allem im Süden der Republik sowie der staatliche Speicher Rehden in Niedersachsen - nahezu leer geblieben sind. Insbesondere die bayerische Versorgungssicherheit hatte im Vorfeld Diskussionen ausgelöst. Dies beunruhigt Rolle aber nicht, wie er betonte. Das liegt zum einen an der komfortablen Befüllung von Speichern in Europa insgesamt, vor allem der deutschen Nachbarländer wie Österreich. "Letzten Endes muss man ja den gesamten Speichermarkt betrachten und darf nicht an den Grenzen aufhören, sondern muss europäisch denken." Unter den gegebenen Marktumständen sei eben die eine oder andere Entscheidung zugunsten der österreichischen Speicher, wie Haidach oder 7Fields, ausgefallen. 

 

Wird es Stilllegungen geben?

 

Durch diese Rahmenbedingungen zusammen mit der neuen Konkurrenz durch LNG-Importe sehe es für die langsamen Porenspeicher dann "eben nicht gut aus", meinte Rolle. Die Gefahr, dass dadurch nun aber reihenweise Speicher vor der Stilllegung stehen, sieht der BMWE-Vertreter nicht. Zuletzt hatte noch der Betreiber Uniper davor gewarnt, der selbst seinen Speicher Breitbrunn zur Disposition gestellt hat. Bayernugs wird diesem Beispiel für Wolfersberg wohl folgen. "Es steht ja überhaupt nicht zur Frage, dass jetzt irgendwelche Speicher kurzfristig stillgelegt werden." Es sei auch kein Abbild der Realität, dass jetzt das "Stilllegen von Speichern auf breiter Front droht", so der Referatsleiter. Er vermutet dahinter eher ein "Kalkül" der Unternehmen.

 

LNG muss sich im Markt noch beweisen

 

Rolle betonte auch mehrfach, wie stark die LNG-Terminals den Gasmarkt insgesamt verändert hätten. Darüber lasse sich nun bei Bedarf Erdgas - auch kurzfristig - ins Land holen. Die Branchenvertreter sahen dies etwas kritischer. Der Markt müsse noch beweisen, dass "wir über LNG Versorgungsprobleme lösen können", warf etwa Gasag-Vertreter Bühring ein. Einig waren sich die Beteiligten, dass es dann teurer werden wird. "Es wird dann dazu führen, dass wir hohe Spotpreise zahlen müssen, um LNG-Cargos anzureizen", so Bühring. Auch Heinermann betonte die "schwierigere Versorgungssituation durch den Wegfall der Importkapazitäten aus Russland". Er bezeichnete es als problematisch mit diesem historisch tiefen Speicherstand in den Winter zu gehen. Bei einem extrem Kältefall könne es zu einer Preiseskalation kommen. Das hatten auch zuletzt die Ines-Szenarien nochmals verdeutlicht.

 

Welche Art von Vorsorge braucht es?

 

Aktuell liegen die Speicher bei rund 65 Prozent Füllstand. "Das ist das Niedrigste, was in letzten Jahren dort quasi gesehen wurde. Das Minimum seit 2018 lag bei 83 Prozent", verdeutlichte Ann-Kathrin Klaas, Head of Research beim Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität Köln (Ewi). Dass die Preise steigen werden, wenn es kälter wird, bestreitet Rolle nicht. "Aber wir werden dann nicht gleich wieder Preise von 250 Euro sehen", ist er überzeugt. Außer es treten außergewöhnliche Ereignisse ein, wie eben die Gaskrise oder andere geopolitische Unsicherheiten. "Das ist auch eine Lessons learned, dass wir Schocks teuer bezahlen müssen, wenn wir nicht ausreichend vorsorgen", kommentierte Ines-Geschäftsführer Heinermann. Deswegen brauche es aus seiner Sicht im nächsten Schritt erstmal eine Einigung darüber, welche Art von Absicherung künftig sinnvoll ist, vor einer Diskussion über geeignete regulatorische Instrumente.

 

Denn wie es ab 2027 weitergehen wird, wenn die Füllstandsverordnung ausläuft, und ob es eine Anschlussregulierung geben wird, ist noch offen. Erste Gespräche zwischen dem BMWE und Marktteilnehmern laufen aber bereits. Auch das Frontier-Gutachten, das sich unter anderem mit einer Art staatlichen Gasreserve, wie es sie in Österreich gibt, befasst, wird dann einfließen. Rolle kündigte an, dass dabei auch die europäische SOS-Verordnung maßgeblich sein wird, die auch einen Teil zur Absicherung gegen Gasmangellagen enthält. Die Branche drängt jedenfalls auf eine schnelle Einigung für eine künftige Regulierung. /ml

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