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"Fossile Lösungen sind nicht wirklich pragmatisch"

Dortmund (energate) - Die schleppende Entwicklung im Wasserstoffsektor hat neue Diskussionen um den regulatorischen Rahmen für den Markthochlauf entfacht. Dabei werden auch Rufe lauter nach sogenanntem blauem Wasserstoff, der auf fossilem Erdgas beruht. Doch Vorsicht ist geboten: Blauer Wasserstoff mag als "technologieoffene" und "pragmatische" Übergangslösung erscheinen, doch der Schein trügt. 

 

Ein Gastkommentar von Werner Ponikwar, CEO von Thyssenkrupp Nucera 

 

Eine nachhaltige Industrie benötigt grünen Wasserstoff - zukünftig in riesigen Mengen. Der Markthochlauf kommt aber viel langsamer als erhofft voran und viele stellen zu Recht die Frage, woher der grüne Wasserstoff in den kommenden Jahren bezogen werden soll. Pragmatische Lösungen werden gefordert. Manche blicken hoffnungsvoll auf LNG und blauen Wasserstoff. Bei herkömmlichen Lebensdauern solcher Anlagen von mehr als 20 Jahren können wir aber nicht wirklich von einer Übergangstechnologie sprechen. 

 

Der Ruf nach Technologieoffenheit suggeriert, dass alle Wasserstofftechnologien gleichwertig sind. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass manche Ansätze - vor allem solche, die auf fossilen Ressourcen beruhen - nicht gleichermaßen zu unseren Klima- und Wirtschaftszielen beitragen können. 

 

Am Ende geht es nicht darum, welche Farbe wir dem Wasserstoff zuweisen. Es geht darum, dass wir die Technologien massiv skalieren, die wir langfristig nutzen wollen. Mit Blick auf unsere langfristigen gesellschaftlichen Interessen können das nur die Elektrolyse und andere wirklich nachhaltige Prozesse sein. Nicht aber teure fossile Prozesse, deren Umsetzung sowohl wirtschaftlich als auch mit Blick auf die Klimaziele fraglich ist. 

 

Eine echte Industriepolitik für nachhaltigen Wasserstoff 

 

Der Draghi-Bericht aus dem letzten Jahr hebt Elektrolyseure als einen der Cleantech-Sektoren hervor, in dem die EU nach wie vor führend ist. Die neue EU-Kommission zielt mit dem "Clean Industrial Deal" darauf ab, den Sektor weiter zu unterstützen. In Deutschland wollen sowohl CDU als auch SPD grüne Technologien zum Wachstumsmotor für den Industriestandort machen. Das begrüßen wir sehr. 

 

Eng eingebettet in europäische Wertschöpfungsketten und als wichtige Technologielieferanten für Projekte von Nordschweden bis Südspanien spielen deutsche Firmen eine zentrale Rolle in der europäischen Wasserstoffwirtschaft. Neben Thyssenkrupp Nucera sitzen auch andere führende Elektrolyseur-Hersteller in Deutschland. Das Potenzial für Innovationen, Arbeitsplätze und Wertschöpfung ist massiv. Und nicht zu vergessen: Über die Elektrolyse können wir die Dekarbonisierung voranbringen, das zukünftige Stromnetz entlasten und vor allem die Wertschöpfung steigern. Blauer Wasserstoff kann lediglich auf eines der Ziele einzahlen. 

 

Blauer Wasserstoff steht zudem vor seinen ganz eigenen Herausforderungen. Gerade der CO2-Fußabdruck wirft erhebliche Fragen auf. Methanlecks entlang der Transportpipelines sind dabei ein besonders kritisches Thema: Methan ist ein extrem potentes Treibhausgas und trägt erheblich zur Erderwärmung bei. Leckageraten im bestehenden Gasnetz wirken sich massiv negativ auf die Klimabilanz von blauem Wasserstoff aus. Um die EU-Emissionsgrenzwerte - trotz der Methanlecks - einhalten zu können, müssten Produzenten sehr hohe Abscheidungsraten erzielen. Ob und zu welchen Kosten das gelingt, ist heute keinesfalls klar. 

 

Die notwendige CCS/CCU-Infrastruktur ist mit erheblichen Investitionen verbunden, energieintensiv und befindet sich noch in einer frühen Entwicklungsphase. Steigende CO2-Preise verschärfen die wirtschaftlichen Risiken zusätzlich. Es bestehen hohe Skalierungsrisiken und Unsicherheiten hinsichtlich der langfristigen Klimaverträglichkeit und Wirtschaftlichkeit. Pragmatisch klingt das alles nicht. 

 

Koalitionsvertrag mit globaler Signalwirkung 

 

Grüner und blauer Wasserstoff sind zwei sehr unterschiedliche Technologien. Die Frage, die CDU/CSU und SPD beantworten müssen, ist: Wie können wir als Gesellschaft am besten in eine nachhaltige Zukunft investieren? Ich bin davon überzeugt: Wie wir in Deutschland und in Europa mit dem Ausbau der grünen Wasserstoffwirtschaft umgehen, hat Vorbildcharakter und Signalwirkung. Wir müssen in Deutschland mutig vorangehen.

 

Was heißt das konkret für die Koalitionsverhandlungen? Zum einen brauchen wir ein klares Bekenntnis zu einer wirklich nachhaltigen Wasserstoffwirtschaft und einer langfristig klar begrenzten Rolle für fossilen Wasserstoff. Die neue Bundesregierung sollte sich zum anderen zusammen mit europäischen Partnern für eine schnelle Vereinfachung der Regeln zum Strombezug einsetzen, um die Kosten für grünen Wasserstoff zu senken. Und zu guter Letzt brauchen wir, um die Nachfrage anzukurbeln, neben Leitmärkten für Stahl und andere Sektoren eine zügige und ambitionierte Umsetzung der RFNBO-Quoten aus der RED III in nationales Recht.

 

Statt vermehrt öffentliche Gelder in teure fossile Technologie zu lenken, sollten wir in Deutschland und der EU weiterhin vorrangig in grünen Wasserstoff und die Elektrolyse-Technologie investieren. Dafür müssen zügig die richtigen Weichen gestellt werden.

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