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Forscher: Politik muss Wasserstoffspeicherstrategie entwickeln

Gelsenkirchen (energate) - Der Bedarf an Wasserstoffspeichern könnte deutlich höher ausfallen als bisher gedacht. Das zumindest ist das Ergebnis einer aktuellen Studie der Westfälischen Hochschule. Sie weist einen Speicherbedarf von bis zu 315 TWh aus. Das wäre knapp das Vierfache der 80 TWh, die im Weißbuch des damaligen Bundeswirtschaftsministeriums um Minister Robert Habeck standen. Laut Studienautor Markus Löffler bezogen sich diese Berechnungen allein auf die nationale Erzeugung. "Wasserstoffimporte blieben dabei komplett außen vor", erklärte der Wissenschaftler im Interview mit energate die Differenz. Das sei in etwa so, als würde dem Erdgasspeicherbedarf nur die heimische Förderung zugrunde liegen, zog Löffler einen Vergleich.

 

Strategische Wasserstoffreserve für 30 Tage

 

Dass diese Rechnung nicht aufgehen kann, liegt wohl auf der Hand. So herrscht mittlerweile weitgehend Einigkeit darüber, dass Deutschland einen Großteil seines künftigen Wasserstoffbedarfs über Importe wird decken müssen. Das bedeutet für Löffler aber auch, dass bei den Überlegungen zu künftigen Speicherkapazitäten Krisenfälle mitzudenken sind. "Wir haben das gerade zweimal erlebt: Als die russischen Gasimporte wegfielen, haben uns unter anderem auch die Gasspeicher durch den Winter gebracht", so der Professor. Nun, etwa vier Jahre später, blockiert der Iran-Krieg die Straße von Hormus und damit auch möglicherweise LNG-Lieferungen in Richtung Europa.

 

Diese aktuellen Beispiele zeigten, "wie schutzlos ein importabhängiges Energiesystem ohne ausreichende Reserven ist", sagte Löffler. Er bringt deswegen eine strategische Wasserstoffreserve für mindestens 30 Tage und im Umfang von rund 65 TWh ins Spiel, zusätzlich zu den regulär betriebenen marktlichen Saisonalspeichern. "Bei einem noch volatileren, globalen Wasserstoffmarkt mit langen Transportwegen und politisch instabilen Lieferregionen wäre weniger Vorsicht kaum zu rechtfertigen", so Löffler. Denn für ihn steht fest: Ohne ausreichende Speicher wird es in Deutschland kein funktionsfähiges Wasserstoffsystem geben. Die Folge wären unter anderem eine drohende saisonale Unterversorgung im Winter, extreme Preisspitzen sowie Industrieabnehmer, die nicht in die Umstellung investierten.

 

Der Markt allein wird es nicht regeln

 

Das Problem ist: Marktliche Wasserstoffspeicher gibt es noch nicht, die Errichtung neuer Speicher kommt mit langen Vorlaufzeiten von bis zu zwölf Jahren daher und die Rahmenbedingungen reizen einen Bau aktuell nicht an, eher im Gegenteil. "Niemand investiert in Infrastruktur, deren Betrieb sich nicht rechnet - egal wie dringend sie gebraucht wird", kommentierte der Gelsenkirchener Wissenschaftler. Das zeige auch der Blick auf die beiden bayerischen Erdgasspeicher, die im vergangenen Jahr mangels Wirtschaftlichkeit ihre Stilllegung angemeldet hatten: "Und das mitten in einer Phase historisch niedriger Füllstände und einer globalen Energiekrise."

 

Es braucht Speicherentwicklungsplan

 

Deswegen sei an der Stelle die Politik gefordert, diese strukturellen Probleme zu lösen und den Rahmen zu schaffen. "Hohe Anfangsinvestitionen und lange Amortisationszeiträume - aber der Nutzen materialisiert sich erst im Krisenfall. Das rechnet sich privatwirtschaftlich nicht ohne Rahmengebung", so Löffler. Ein erstes Signal in die Branche müsse dabei eine verbindliche staatliche Zielgröße für Speicherkapazität sein, seiner Einschätzung nach mindestens 200 TWh. Ein denkbarer Weg wäre dann ein Speicherentwicklungsplan, ähnlich den Strom- und Gasnetzen. Eine Speicherstrategie müsse aber auch die Verantwortlichkeiten zuweisen: wer baut wann was, mit welcher Förderkulisse. Im schon erwähnten Weißbuch hatte sich das BMWK noch gegen eine direkte Förderung von Wasserstoffspeichern ausgesprochen. Obwohl auch da schon mehrere Gutachten empfohlen hatten, in einer Markthochlaufphase Investitionen in Wasserstoffspeicher mit einem Förderinstrument anzureizen, etwa über sogenannte Differenzverträge.

 

"Historisch beispielloser Beschleunigungsprozess"

 

Angesichts der Größe der Aufgabe wird es vermutlich aber eher einen Strauß an Maßnahmen brauchen, um den großskaligen Bau von H2-Speichern anzureizen. Das liegt schon allein an der Physik: Denn Wasserstoff benötigt bei gleichen Druck- und Temperaturbedingungen rund fünfmal mehr Volumen als Erdgas. Demnach müsste selbst bei dem niedrigeren 80-TWh-Wert des BMWK der Speicherausbau bis 2045 bereits 3,2-mal schneller erfolgen als die maximale Zubaurate, die es jemals bei Erdgasspeichern gab, nämlich im Rekordjahr 1995. Liegen Löfflers Werte zugrunde, wäre es sogar das 10- bis 20-fache. "Das ist kein lineares Wachstum, sondern ein historisch beispielloser Beschleunigungsprozess, für den es bislang weder Vorbild noch Plan oder Finanzierung und politisches Mandat gibt", so der Wissenschaftler. Er hält deswegen weitere Maßnahmen wie Kapazitätsmechanismen analog zur Kraftwerksstrategie, Mindestfüllstandsregeln mit Vergütungskomponente oder eine öffentlich-rechtliche Trägerschaft für die strategische Reserve für sinnvoll.

 

Wie hoch der künftige Wasserstoffspeicherbedarf wirklich sein wird, muss sich noch zeigen. Auch der Branchenverband Initiative Energien Speichern (Ines) arbeitet daran, dazu eine genauere Prognose abgeben zu können. Hierzu wird der Verband im April eine zweite Marktabfrage unter Unternehmen starten. Die Ergebnisse der ersten Abfrage hatte Ines Anfang 2025 vorgelegt, damals war noch von 43 TWh die Rede. /ml

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