Expertenrunde: Entspannter Blick auf die Gasversorgung
München (energate) - Die Bundesnetzagentur (BNetzA) gibt sich beim Thema Gasversorgungssicherheit entspannt. "Die Verantwortung für die Befüllung der Speicher für den kommenden Winter liegt bei den Marktakteuren, die diese auch noch gut wahrnehmen können", sagte Sascha Grüner, bei der BNetzA als Referatsleiter unter anderem für das Thema Gasversorgungssicherheit verantwortlich, bei einem "Deep Dive" der Initiative Energiesysteme der Zukunft (ESYS). Die Initiative ESYS wird von den drei Forschungsinstitutionen Leopoldina, Acatech und Akademienunion, dem gemeinsamen Forschungsprogramm der Wissenschaftsakademien, getragen.
Die Speicher seien für den nächsten Winter schon besser als im letzten Jahr gebucht, ergänzte Grüner. Die aktuell niedrigen Füllstände entsprächen, erläuterte er weiter, den Erwartungen der BNetzA und den Prognosen verschiedener Institutionen. Seit dem Wegfall der russischen Mengen und der deutlich höheren Bedeutung von LNG-Lieferungen für die deutsche Versorgung spielen Speicher eine andere Rolle. "Die Marktbedingungen haben sich geändert, Speicher und LNG-Lieferungen ergänzen sich", argumentierte Grüner. Die Versorgungssicherheit war nach Einschätzung der BNetzA im fast abgelaufenen Winter immer gewährleistet, die Entwicklung der Füllstände war Ausdruck der veränderten Marktbedingungen. Speicherfüllstände hätten unter diesen Bedingungen eine andere Bedeutung, sagte Grüner. Er wies darauf hin, dass die EU-Mitgliedsstaaten bei einem Treffen der Gas Coordination Group einig waren, dass die Speicher nicht um jeden Preis wieder befüllt werden müssen.
Auf Basis der Spreads speichert kein Händler ein
Neben Grüner zeigten sich auch die anderen Diskussionsteilnehmer des "Deep Dive" zuversichtlich, dass die Gasversorgung in Deutschland sicher ist. Marcel Steinbach, Senior Vice President bei Sefe und Leiter Regulierung der Unternehmensgruppe, wies allerdings darauf hin, dass der Spread Winter 26 gegen Sommer 26 aktuell deutlich negativ ist: "Auf der Basis wird kein Händler einspeichern", betonte er. Schon vor dem Krieg im Iran sei der Sommer 2026 "ein besonderes Erlebnis", da im Laufe des Jahres ein zunehmendes LNG-Angebot aus Katar und den USA kommt. Die Spreads haben sich, so Steinbachs Beobachtung, in der letzten Woche wieder etwas verbessert. Dies sei zwar für die Einspeicherung eine gute Nachricht, zeige aber, dass der Markt eine längere Dauer des Konflikts erwarte oder eine Verzögerung beim zusätzlichen Angebot, betonte er. Dennoch, so Steinbach, sei Deutschland dank der zusätzlichen LNG-Mengen auf die weitere Entwicklung in diesem Jahr gut vorbereitet.
Auch David Bothe, Direktor bei der Beratungsgesellschaft Frontier Economics, geht davon aus, dass der Markt auch "normale" Extremereignisse abdeckt und für eine ausreichende Wintervorsorge sorgt. Der negative Spread, argumentierte Bothe, sei auch das Ergebnis der immer noch existierenden Füllstandsvorgaben, die für Händler Anreize bieten, sich gegen die Vorgaben zu optimieren. "Dringend ist vor allem, kurzfristig Klarheit zu schaffen, wer was macht", betonte Bothe. Es gebe viele Akteure, die potenziell für die Speicherbefüllung Verantwortung übernehmen können, und keiner wisse genau, woran er sei, ergänzte er. Bothe zeigte sich optimistisch, dass die Absicherung in verschiedenen Konstellationen möglich ist.
Schließung der Straße von Hormus kein Versorgungsproblem
Auch die aktuelle Marktentwicklung durch die faktische Schließung der Straße von Hormus wird nach Einschätzung der Experten vermutlich nicht zu Versorgungsproblemen in Europa führen. Natürlich bestehe das Risiko weiterer Preissteigerungen und Preisvolatilitäten, argumentierte Grüner. Er wies darauf hin, dass das aktuelle Niveau von rund 50 Euro/MWh auch vergangenes Jahr schon erreicht wurde. Ein Niveau von 300 Euro/MWh, wie auf dem Höhepunkt der Gaskrise 2022, erwarte er nicht. Die Preise würden vermutlich deutlich niedriger bleiben. Bothe unterstützte die Einschätzung. Knappheitssignale durch Preisspitzen hätten zur Krisenbewältigung auch in der Vergangenheit beigetragen. Allerdings, gab er zu bedenken, gebe es nur eine begrenzte gesellschaftliche Akzeptanz für solche Preisspitzen und deshalb eine Tendenz des Staates, in die Marktentwicklung zu intervenieren.
Steinbach übte deutliche Kritik an der EU-Methanverordnung, die ab dem 1. Januar 2027 die EU-Importeure zwingt, nachzuweisen, dass Produzenten in den Exportmengen die Standards für den Umgang mit Methanemissionen einhalten, die in der EU gelten. Dies könnte das LNG-Angebot verknappen. 2026 erfolgten schon einige Lieferungen aus Westafrika und Kamerun nach Deutschland. Unter anderem bei diesen Ländern sei überhaupt nicht zu erkennen, wie die Methanverordnung umgesetzt werden kann. Solche Mengen könnten im kommenden Jahr fehlen: "In der Kommission scheint man den Ernst der Lage nicht erkannt zu haben", spitzte Steinbach zu. /hl