EWE: Industriekunden tragen hohe H2-Kosten nicht
Oldenburg (energate) - Die EWE warnt vor einem Scheitern des Wasserstoffhochlaufs, wenn die regulatorischen Rahmenbedingungen nicht angepasst werden. Im Projekt "Clean Hydrogen Coastline" versucht der Oldenburger Energieversorger die gesamte Wertschöpfungskette von der Erzeugung über Transport und Speicherung bis zur Vermarktung abzubilden - Projektvolumen rund 800 Mio. Euro. Während die erste Phase technisch wie geplant voranschreitet, sieht Geert Tjarks, Geschäftsführer von EWE Hydrogen, die Perspektive für einen industriellen Markthochlauf akut gefährdet. "Was nicht läuft, ist das, was danach kommen soll", warnte er im energate-Interview.
Zahlungsbereitschaft passt nicht zu den Kosten
Knackpunkt ist für Tjarks eine strukturelle Kostenlücke zwischen Wasserstofferzeugung und dem Preis, den Industriekunden zu zahlen bereit sind. "Im Grunde ist das zentrale Problem die nicht passende Zahlungsbereitschaft der Nutzer zu den aktuellen und perspektivischen Bereitstellungskosten von Wasserstoff", sagte er. Zwar sei in der ersten Projektphase Wettbewerbsfähigkeit erreicht worden, doch die Regulierung verhindere weitere Kostensenkungen. "Wir kommen hier nicht in die Preisbereiche, die wir brauchen", zeigte sich Tjarks ernüchtert.
Besonders die europäischen RFNBO-Kriterien für grünen Wasserstoff, die Absage an eine Verlängerung der Netzentgeltbefreiung und die Strompreiskompensation belasteten den Strompreis der Elektrolyse. Diese Faktoren trieben im Ergebnis die Wasserstoffkosten in die Höhe. Schon heute liege der H2-Preis trotz Förderung bei 5 bis 6 Euro pro Kilogramm - perspektivisch aber bei "7 oder 8 Euro, irgendwann über 10 Euro", wenn die belastenden Faktoren hinzukommen. Für potenzielle Abnehmer, vor allem für die Stahlindustrie, sei ein solcher Preis untragbar. Dabei kommt es für Tjarks "gar nicht so sehr auf das aktuelle Niveau an, sondern es geht um die Perspektive: Ist der Preis rückläufig oder wird er eher steigen? Das ist das Entscheidende."
Politik soll stabile Perspektive schaffen
Tjarks sieht die Politik in der Pflicht, die Regulierung zu harmonisieren. "Es gibt kein Instrument, das alles löst, aber es braucht unbedingt eine Synchronisation zwischen allen Ebenen", betonteer. Europa regle die Strombezugskriterien, die BNetzA die Netzentgelte, die Bundesregierung die Strompreiskompensation - doch bisher fehlten abgestimmte Entscheidungen, die dem Markt mehr Sicherheit geben und Investitionen auslösen könnten.
Die Unsicherheiten betreffen dabei nicht nur die Elektrolyse, sondern auch die Speicherinfrastruktur. Zwar laufen Kavernenprojekte wie in Huntorf synchron zur Erzeugung an, jedoch ohne klare Perspektive für einen späteren Ausbau. Die Umstellung eines bestehenden Gasspeichers auf Wasserstoff brauche sechs bis sieben Jahre, ein Neubau zehn Jahre Vorlauf, sagt Tjarks. Es fehle ein politischer Fahrplan, wann wie viele H2-Speicher benötigt werden. "Aus unserer Sicht ist diese Frage nicht ausreichend adressiert."
H2 und Erneuerbarenausbau zusammendenken
Trotz aller Hürden und Verzögerungen gibt sich Tjarks überzeugt, dass der Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft weiter möglich ist. Er bewertet die aktuellen Entwicklungen als Konsolidierung, nicht als Rückschritt. "Was 2020 mit Substanz gestartet ist, ist auch heute noch da. Projekte, die schon 2020 keine Substanz hatten, sind es nicht." Entscheidend sei nun, am Erneuerbarenausbau als Fundament festzuhalten. "Aus unserer Sicht ist die Elektrolyse oder auch die Wasserstoffwirtschaft in Deutschland eine Konsequenz des Erneuerbarenausbaus." Elektrolyse müsse an den richtigen Standorten realisiert werden, etwa im Norden, wo es viel Windstrom gibt. "Wenn man das richtig macht, bietet die Elektrolyse einen Systemwert, aber das muss von der Politik und vom Regulierer auch adressiert und honoriert werden." Das sei in den aktuellen Debatten nicht gegeben, wenn Elektrolyseuren eine Netzentgeltbefreiung oder -reduktion nicht gewährt werde, obwohl sie systemdienlich wirken und Investitionen in den Netzausbau reduzieren können. /tc
Das vollständige Interview mit Geert Tjarks lesen Sie im Add-on Gas & Wärme.