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EWE: Hauseigene Vertriebskrise trübt Milliardengewinn

Oldenburg (energate) - Der Energiehandel beschert der EWE einen außerordentlichen Gewinnsprung. 2023 konnte der Oldenburger Regionalversorger mit etwas mehr als 1 Mrd. Euro Gewinn im operativen Geschäft abschließen, nach knapp 665 Mio. Euro Ertrag im Vorjahr. Vor allem die Bewirtschaftung der Gasspeicher im Großhandel hatte großen Anteil daran, erklärte CEO Stefan Dohler bei der Vorstellung der jüngsten Konzernbilanz. Allerdings blickt die Konzernführung aus zwei Gründen mit deutlich gemischten Gefühlen auf das "abermals turbulente" vergangene Geschäftsjahr zurück.

 

Zum einen liege das am inzwischen niedrigeren und weitaus weniger volatilen Preisniveau im Großhandel, führte Dohler aus. Deshalb werde der Milliardengewinn in dieser Form wohl "leider" "einmalig und nicht reproduzierbar" bleiben. Für das laufende Jahr kalkuliert die EWE passend dazu mit 45 Prozent weniger Gewinn im operativen Geschäft.

 

50 Mio. Euro Ertragseinbußen im Vertrieb

 

Zum anderen überschattet die noch nicht vollends ausgestandene hauseigene Krise im Vertrieb die starke Gesamtperformance im Jahr 2023. 50 Mio. Euro Mindererträge schlugen deshalb in dem strategisch so wichtigen Segment zu Buche, resümierte Dohler. "Das ist ein signifikanter Einschlag, der uns auch wehtut", stellte er klar.

 

Auslöser waren große Schwierigkeiten bei der Implementierung der staatlichen Preisbremsen in die Abrechnungssysteme des Konzerns. Mehr als 100.000 Kunden hatten deshalb zum Teil sehr lang auf Rechnungen und Rückerstattungen von Abschlagszahlungen warten müssen. Für die "Entschuldigungszahlungen", die EWE deshalb an Betroffene leistete, wendete das Unternehmen "bisher etwas mehr als 2 Mio. Euro" auf, blickte Dohler zurück.

 

Aufarbeitung der Vertriebskrise nahezu abgeschlossen

 

Den Großteil der Einbußen führte er auf den Aufwand zurück, den die EWE betreiben musste, um die IT-Probleme zu lösen und die ursprünglich gewohnte Servicequalität wieder herzustellen. Dazu habe es zeitweise die Unterstützung bis zu 500 Kräften von externen Dienstleistern bedurft, so Dohler. Inzwischen allerdings sei der Vertrieb "sehr nah" an dem Niveau, das EWE anstrebe, sagte der Vorstandschef.

 

Großer Wettbewerbsdruck im Endkundengeschäft

 

Allerdings stehe der Endkundenvertrieb wegen des aktuell sehr "preisaggressiven Wettbewerbs" weiterhin unter Druck, räumte der CEO. Mit dessen Wiedererstarken erlebte die EWE bereits eine sehr große Kundenfluktuation. Dohler sagte dazu: "Mehrere 100.000 Kunden sind in der Krise wegen unserer Preispolitik sehr schnell zu uns gekommen. Sie haben uns inzwischen genauso schnell wieder verlassen. Das kann man bedauern, aber das ist Markt." Dennoch betonte er: "Wir sind konkurrenzfähig."

 

Offshore-Windparks sollen verkauft werden

 

Unterdessen steht das Erneuerbarengeschäft vor einer teilweisen Neuausrichtung. Der Konzern plane, seine verbliebenen Offshore-Windparks zu veräußern, kündigte Dohler auf Nachfrage an. "Das ist ein Bereich, für den wir nicht die richtigen Kapitalressourcen bereitstellen können", begründete er. Aktuell besitzt die EWE den Offshore-Windpark Riffgat und ist Teilhaberin der Nordsee-Windparks Alpha Ventus sowie Trianel Borkum II. Näheres zu den Verkaufsplänen wollte Dohler noch nicht bekannt geben. Unterm Strich, so Dohler, werde sich die EWE durch Portfoliobereinigungen wie diese weiter auf seine Kerngeschäftssegmente fokussieren, also nicht wirklich verändern, stellte er klar.

 

Mit dem weiterhin strategisch wichtigen Onshore-Windsegment, das beim Joint-Venture Alterric angesiedelt ist, zeigte sich das Management zufrieden. Gleichwohl sei es 2023 mit Blick auf die Genehmigungsbürokratie nicht gelungen, so viele neue Onshore-Windparks zu errichten wie gewünscht. Immerhin jedoch sei die Genehmigungssituation spürbar besser geworden, konstatierte Dohler.

 

Wasserstoffpläne treten in entscheidende Phase

 

Das trotz aller Widrigkeiten im Vertrieb sehr gute Ergebnis hilft der EWE vor allem dabei, die anstehenden Investitionen zu stemmen, betonte der CEO. Allein 2023 investierte die EWE mehr als eine Mrd. Euro. Neben dem Netzausbau und der Wärmewende ist der Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft in Norddeutschland ein zentrales Thema, für das die EWE absehbar weiter viel Geld in die Hand nimmt.

 

Ein entscheidender Baustein für die angestrebte hauseigene Wasserstoffproduktion im industriellen Maßstab in Emden sind die IPCEI-Förderbescheide, so Dohler. Bekommt die EWE wie erhofft alle Bescheide, unterstützt die öffentliche Hand die Wasserstoffpläne mit mehr als eine halben Mrd. Euro. Dann, so Dohler, werde noch im laufenden Jahr die finale Investitionsentscheidung für den 320-MW-Elektrolyseur fallen. Dessen Inbetriebnahme ist für 2028 anvisiert. /pa

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