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Evonik startet Abwärmelieferung ins Iqony-Fernwärmenetz

Herne (energate) - Uniper macht Evonik zum Fernwärmelieferanten fürs Ruhrgebiet. Bislang ungenutzte Abwärme des Evonik-Chemieparks im nordrhein-westfälischen Herne geht fortan ins direkt benachbarte Fernwärmenetz der Iqony. Schlüssel dazu ist ein laut Uniper-COO Holger Kreetz "in Deutschland bislang einzigartiges Pilotprojekt" rund um eine Großwärmepumpe. Das vor rund drei Jahren gestartete Teilvorhaben des sogenannten "Herne Green Deal" steht jetzt unmittelbar vor einer gut 30-monatigen Testphase unter Realbedingungen, teilten die drei Projektpartner im Rahmen einer Pressekonferenz, bei der energate vor Ort war, mit. 

 

Rechnerisch wird der Evonik-Standort im Test-Setup zunächst den Jahreswärmebedarf von 1.000 Ruhrgebietshaushalten decken können. Das Besondere: Anders als andere Großwärmepumpen kann die Pilotanlage des spanischen Herstellers Renk mit 1,5 MW thermischer Leistung einen 100-Grad-Celsius-Temperatursprung: Knapp 30 Grad warme Restwärme aus dem Chemiewerk in Herne kommt so auf 130 Grad und wird somit überhaupt erst fernwärmetauglich. Deshalb gehen alle Projektpartner mit durchaus großen Erwartungen in die kommenden zweieinhalb Jahre Testbetrieb. Ist diese Phase erfolgreich, wollen die drei Partnerunternehmen die modular aufgebaute Wärmepumpe in Containerbauweise im nächsten Schritt auf 20 MW erweitern, um dann bis zu 40 Prozent des gesamten Abwärmepotenzials des Chemieparks Herne nutzbar zu machen.

 

Uniper: Produktentwicklung für Industriekunden im Blick

 

Uniper ist fortan Betreiber und Stromlieferant der Pilotanlage. Dafür ist die Großwärmepumpe ans IT- und OT-System des Kraftwerks Scholven angebunden und wird aus dem konzerneigenen Erzeugungsportfolio mit Strom versorgt. Die Düsseldorfer waren zuvor überdies auch Projektentwickler und Finanzier des Vorhabens, das dem Vernehmen nach einen niedrigen einstelligen Millionenbetrag gekostet hat. Für den Energiekonzern soll sich bis Mitte 2029 erweisen, ob sich rund um die Projektierung und den Betrieb solcher Industrieanlagen ein Geschäftsmodell machen lässt. Gerade im Ruhrgebiet, aber auch in anderen industriellen Zentren, wie dem bayerischen Chemiedreieck, gebe es "ein ordentliches Potenzial" an niederkalorischer Industriewärme. Diese stehe ungenutzt zur Verfügung, um daraus "ein Puzzlestück für die Wärmewende" zu machen, so COO Kreetz in Herne. Allerdings: "Ob das für uns mal ein großer Geschäftsbereich wird, weiß ich noch nicht." Die Wärmewende über die Wärmepumpe sei auf kommunaler Ebene "gut darstellbar". Ihr Einsatz in der Industrie sei im Vergleich dazu allerdings "alles andere als trivial", so Kreetz.

 

Evonik hofft auf Kosten- und Prozesswärmehebel

 

Evonik verfolgt mit dem Abwärmeprojekt in Herne zwei zentrale Strategieziele. Zum einen gilt es zu ergründen, ob und wie sehr die Aufwertung der Restwärme den Primärenergiebedarf im laufenden Betrieb vor Ort senkt, erklärte der für Nachhaltigkeit zuständige Evonik-Arbeitsdirektor, Thomas Wessel. Bislang nämlich laufen in den Kühltürmen des Standorts Motoren, Pumpen und Ventilatoren, die besagte 30-Grad-Abwärme mit jahreszeitabhängigem Aufwand kühlen und so die Energiekosten treiben. Zum anderen hofft der Chemiekonzern aus der bislang für die Produktion nutzlosen Restwärme über besagten 100-Grad-Temperatursprung neue Prozesswärmepotenziale heben zu können, ein langfristig mutmaßlich ungleich größerer Effizienzhebel, konstatierte Werkleiter Rainer Stahl gegenüber energate.

 

Iqony setzt auf Industriekooperationen für die Fernwärme

 

Für Iqony schließt sich mit dem Testbetrieb in Herne in gewisser Weise ein Kreis, zumal ein großer Teil des Netzes der Iqony Fernwärme GmbH zu Zeiten des Projektstarts in Herne noch zu Uniper gehörte. Dabei hatte der Konzern sein deutsches Fernwärmegeschäft nicht freiwillig abgegeben. Der Verkauf war Teil der EU-Aulagen im Rahmen der Verstaatlichung von Uniper im Zuge der Energiekrise vor vier Jahren. Für die Essener ist es zugleich die dritte Industriekooperation für die Fernwärme im Ruhrgebiet innerhalb weniger Monate. Zum einen nimmt Iqony seit Ende 2025 Abwärme von der Ruhr-Oel-Raffinerie in Gelsenkirchen ab, die im Begriff ist, den Besitzer zu wechseln. Dort sind perspektivisch acht Wärmetauscher und eine Wechselstation mit 50 MW im Einsatz, die rechnerisch den Wärmebedarf von 30.000 Haushalten decken. Zum anderen liefert auch die Essener Aluminiumhütte von Trimet seit Februar Abwärme ins Iqony-Netz.

 

Henkel inzwischen Fernwärmelieferant in Düsseldorf

 

Ohnedies ist Evonik nicht der einzige Chemiekonzern, der just offiziell damit begonnen hat, Abwärme für die Fernwärmeversorgung in Nordrhein-Westfalen bereitzustellen. Der Waschmittelhersteller Henkel betreibt am Stammsitz in Düsseldorf eine Erdgas-KWK-Anlage deren Kamin-Abwärme über eine neu errichtete 700 Quadratmeter große Energiezentrale fortan ins kommunale Fernwärmenetz gehen und dort 35 Prozent des Bedarfs von zwei Stadtteilen der NRW-Landeshauptstadt decken soll. "In der Zusammenarbeit zwischen kommunalem Versorger und Industrie liegt erhebliches Potenzial", kommentierte Julien Mounier als CEO der Stadtwerke Düsseldorf den Schritt der Energiezentrale aus dem Test- in den Regelbetrieb. "Alles, was in unsicheren Zeiten die Abhängigkeit von Importen reduziert, stärkt den Wirtschaftsstandort und die Versorgungssicherheit in unserer Region", fügte er an. /pa

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