Europas größte E-Fuel-Anlage startet in Frankfurt
Frankfurt am Main (energate) - Der offizielle Startschuss für Europas größte E-Fuel-Anlage namens Era One ist im Frankfurter Industriepark Höchst gefallen. Die ersten Offtake-Verträge seien unterzeichnet, weitere sollen in den nächsten Wochen folgen. Dies sagte der CEO von Ineratec, Tim Böltken, bei einem Presserundgang. Das Spin-off aus dem Karlsruher Institut für Technologie hat die modular aufgebaute 7-MW-Anlage selbst entwickelt, die aus Wasserstoff und CO2 jährlich bis zu 2.500 Tonnen grüne Moleküle herstellen kann. Zu den ersten Kunden zählen unter anderen die freien Tankstellenbetreiber des Uniti Bundesverbandes Energiemittelstand und die englische Tochter des Mineralölkonzerns Petronas.
Fischer-Tropsch-Synthese 2.0
E-Kerosin und E-Diesel kosten aktuell grob geschätzt das Fünf- bis Achtfache der fossilen Variante, je nachdem zu welchen Konditionen sich insbesondere der grüne Wasserstoff, aber auch das CO2 beziehen lassen. Der Industriepark Höchst war der "ideale Standort" für den Bau der Demonstrationsanlage, erläuterte Projektleiterin Christina Braumüller. Die Infrastruktur für H2 und CO2 sei bereits vorhanden und Ineratec habe sich auf die Entwicklung der neuen Technik konzentrieren können. Der 1-MW-Container benötige pro Stunde etwa 20 kg Wasserstoff, der in Frankfurt bei der Chlorproduktion anfällt und über Zertifikate grün gestellt wird. Die 8.000 Tonnen CO2 pro Jahr liefert ein Joint Venture des Energieversorgers Mainova und des Industrieunternehmens Infraserv aus ihrer Biomethananlage direkt am Standort. Wasserstoff und CO2 kommen dann über Pipelines quer über das Firmengelände direkt in der Power-to-Liquid-Anlage an.
Das dort eingesetzte Verfahren ist bereits 100 Jahre alt und nennt sich Fischer-Tropsch-Synthese. Kam früher Kohle zum Einsatz, soll jetzt dank grünem Wasserstoff eine Alternative zum Erdöl entstehen. Das synthetische Rohöl lässt sich anschließend zu Kraftstoffen veredeln, wie nachhaltiger Flugkraftstoff (SAF, Sustainable Aviation Fuel), Schiffskraftstoff oder auch E-Diesel. Dies will Ineratec über die Erweiterung der Anlage im kommenden Jahr auch selbst übernehmen, Stand heute wird nur das synthetische Rohöl weiterverkauft.
Diverse Zielgruppen und Investoren
Eine deutsche Power-to-Liquid-Quote hat es zwar nicht in den Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung geschafft. Ineratec hofft für seinen Vertrieb aber auf die für 2030 geplante europäische Quote im Luftfahrtverkehr. Auch stimmen freiwillige Maßnahmen im Schwerlastverkehr und absehbare neue Regeln für die Schifffahrt zuversichtlich. Zudem entsteht bei der Produktion nicht nur Flüssigkeit, sondern bei den längeren Kohlenstoffketten auch Wachs, der sich in der Lebensmittelindustrie etwa als Alternative zum klimaschädlichen Palmöl einsetzen lässt. Auch hier habe es einen ersten Liefervertrag mit einem US-Unternehmen gegeben, berichtete CEO Böltken.
40 Mio. Euro hat der Bau der Anlage gekostet, zu den Geldgebern zählen Piva Capital, die französischen Konzerne Engie und Safran sowie Unternehmen mit asiatischen Wurzeln wie Honda oder Samsung. Zusätzliche 70 Mio. Euro für die weitere Entwicklung kommen von der Europäischen Investitionsbank sowie ein 30 Mio. Euro hoher Zuschuss von der von Bill Gates gegründeten Plattform "Breakthrough Energy Catalyst".
Dem Ausbau der Frankfurter Power-to-Liquid-Anlage sind durch die zur Verfügung stehenden CO2-Mengen Grenzen gesetzt. Eine Anlieferung lohne nicht, dann eher ein anderer Standort, erläuterte Projektleiterin Braumüller während des Pressetermins. Deutschland steht abgesehen vom Demonstrator hier nicht im Vordergrund der Überlegungen, allein weil die Wasserstoffproduktion vergleichsweise teuer ist. Pläne gebe es etwa für französische Standorte, wo bereits eine Holzvergasung stattfindet, für die italienische Insel Sardinien, aber etwa auch für Chile, so Braumüller.
"Ölfelder der Zukunft" in Containerbauweise
Die standardisierten Container lassen sich beispielsweise an Windkraft- oder Solarstandorten aufbauen, überall dort, wo grüner Strom und damit die Elektrolyse billig ist. "Ölfelder der Zukunft" nennt CEO Böltken diese. "Wir sind guter Dinge, dass wir den klassischen Mineralölkonzernen hier einige Jahre voraus sind", sagte er in Frankfurt. Neue Standorte lassen sich kostengünstiger als die 40 Mio. Euro für Frankfurt bauen, weil die Entwicklungsarbeit schon geleistet ist und die Skalierung in der Fertigung Vorteile schafft.
Zwei bis drei Mitarbeitende seien pro Schicht notwendig, da bei Chemieanlagen nicht nur Fernsteuerung, sondern auch Kontrollgänge nötig seien, ergänzte die Projektleiterin auf Nachfrage. Bei der Auslieferung kleinerer, vorgefertigter Anlagen im einstelligen MW-Bereich seien nur wenige LKW-Ladungen erforderlich. /mt