EnviaM-Chef kritisiert NEST-Reform
Berlin (energate) - Stephan Lowis, Vorstandsvorsitzender des ostdeutschen Energieversorgers EnviaM, äußerte im Gespräch mit energate deutliche Kritik am laufenden NEST-Prozess der Bundesnetzagentur zur Reform der Netzregulierung. Aus seiner Sicht droht statt eines Investitionsanreizes eher eine Belastung für Netzbetreiber - mit negativen Folgen für die Energiewende. Das Gespräch fand bei einem Besuch der Berliner energate-Redaktion statt.
Der sogenannte NEST-Prozess (Netzentgelt- und Anreizregulierungs-Strukturprozess) wurde 2024 von der Bundesnetzagentur gestartet. Ziel ist eine grundlegende Überarbeitung des Regulierungsrahmens für Strom- und Gasnetzbetreiber, um ihn an die veränderten Anforderungen der Energiewende anzupassen. Im Mittelpunkt stehen unter anderem eine neue Periodendauer, Veränderungen an der Effizienzvergleichsrechnung, Anpassungen beim Kostenanerkennungsverfahren sowie eine Überarbeitung der dauerhaft nicht beeinflussbaren Kosten (dnbK). Während für Verbraucherschützer vieles von dem, was die Netzagentur vorgeschlagen hat, in die richtige Richtung geht, sehen vor allem Netzbetreiber die Pläne kritisch.
"Was sich bisher im NEST-Prozess abzeichnet, wirkt eher wie ein Entgeltsenkungsprogramm, weniger wie eine zukunftsgerichtete Reform", sagte Lowis. Der Netzausbau sei eine zentrale Aufgabe für den Umbau des Energiesystems, doch viele der diskutierten Maßnahmen würden die Investitionstätigkeit erschweren. EnviaM plane allein in den kommenden fünf Jahren rund drei Milliarden Euro an Investitionen - dafür brauche es einen stabilen und attraktiven regulatorischen Rahmen.
"Immer mitten im Prozess, aber nie mit Klarheit"
Die geplante Verkürzung der Regulierungsperiode von fünf auf drei Jahre stößt bei Lowis auf Ablehnung. Die Bundesnetzagentur begründet diesen Vorschlag damit, dass kürzere Perioden dynamische Kostenentwicklungen - etwa durch Inflation oder steigende Betriebskosten - besser abbilden könnten. Lowis hält dagegen: Viele Maßnahmen wie Digitalisierung oder Standardisierung ließen sich in so kurzen Zeiträumen kaum sinnvoll umsetzen. "Man schafft eine Art Perpetuum mobile - immer mitten im Prozess, aber nie mit Klarheit."
Ein weiterer Streitpunkt sind die sogenannten dauerhaft nicht beeinflussbaren Kosten (dnbK). Diese umfassen aktuell unter anderem die Konzessionsabgabe, Netzentgelte vorgelagerter Netze oder bestimmte Personalkosten. Im NEST-Prozess prüft die Behörde, welche dieser Kosten künftig in den Effizienzvergleich hereingenommen werden sollen - mit der Folge, dass sie nicht mehr automatisch voll anerkannt würden. Aus Sicht von Lowis hätte das gravierende Folgen. "Der Netzausbau funktioniert nicht ohne Personal, ohne Bagger, ohne Planer. Personalzusatzkosten in den Effizienzvergleich zu integrieren, ist keine gute Idee", warnte er. Auch die geplante zeitversetzte Berücksichtigung der Inflation - statt aktueller Preisstände - belaste die Unternehmen massiv.
"Das ist nicht fair"
Besonders kritisch sieht Lowis auch die geplante Reduzierung der Anerkennung von Redispatch-Kosten. Die entstehenden Kosten wurden bislang vollständig als dnbK anerkannt. Gerade im Osten Deutschlands, wo viele erneuerbare Erzeuger angesiedelt sind, seien diese Kosten besonders hoch. Die Aberkennung der Redispatch-Kosten als dnbK sei daher "nicht fair", so Lowis.
Stattdessen plädierte der EnviaM-Chef für mehr steuernde Instrumente: etwa gezielte Baukostenzuschüsse oder einen Redispatch-Vorbehalt für Anlagen, die sich bewusst in Engpassregionen niederlassen. "Diese Anlagen erhalten dann bei Abregelung keinen Ausgleich. Das würde auch volkswirtschaftlich Kosten sparen."
Argumente der Netzbetreiber nicht gehört
Mit Blick auf den gesamten Prozess äußerte sich Lowis enttäuscht. Der NEST-Prozess wurde von einer breiten Konsultation begleitet - mit über 100 Terminen, Workshops und Stellungnahmen. Doch viele Argumente der Netzbetreiber seien nicht gehört worden. "Eine Konsultation sollte eine echte Konsultation sein - und nicht nur ein formaler Akt."
Er forderte, die wirtschaftliche Wirkung der Reform nicht aus dem Blick zu verlieren: "Wenn am Ende unter dem Strich weniger herauskommt als bisher, ist das ein relevanter Rückschritt, der dem Ziel der Energiewende schadet." EnviaM habe im Vertrauen auf einen investitionsfreundlichen Rahmen allein im vergangenen Jahr über 400 neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eingestellt. "Dieses Vertrauen steht jetzt infrage." /mh
Das vollständige Interview mit Stephan Lowis finden Sie im Add-on Strom.