Energieversorger kämpfen mit Abrechnungsproblemen
Rendsburg/Essen (energate) - Fehlerhafte Rechnungen, verspätete Abrechnungen, überlastete Systeme - was Verbraucherzentralen regelmäßig beobachten, ist häufig das Ergebnis tiefgreifender Umstellungen im Hintergrund. Während Energieversorger ihre IT-Landschaften modernisieren und gleichzeitig neue regulatorische Vorgaben umsetzen müssen, geraten Abrechnungsprozesse zunehmend unter Druck. Ein aktuelles Beispiel dafür liefern die Stadtwerke SH aus Rendsburg in Schleswig-Holstein. So haben die Stadtwerke den Zeitplan für die Umstellung ihres Abrechnungssystems angepasst. Von einer Verschiebung im engeren Sinne will das Unternehmen jedoch nicht sprechen. Doch der Grund für die Änderung des Zeitplans liege in den Erfahrungen aus den vorangegangenen Migrationen. Es habe sich gezeigt, dass bestimmte Aufgaben, insbesondere die Sicherung und Herstellung einer hohen Datenqualität, vollständig vor der eigentlichen Datenmigration abgeschlossen werden sollten.
Die schrittweise Optimierung von Prozessen komme zum laufenden Tagesgeschäft "on top" hinzu, beschrieb eine Sprecherin der Stadtwerke auf Nachfrage von energate. Gerade mit Blick auf steigende gesetzliche und regulatorische Anforderungen werde der gesamten Branche "viel abverlangt". Ziel sei es, Übertragungsfehler und aufwendige Nacharbeiten nach dem Systemwechsel zu vermeiden. Im laufenden Prozess sei es daher immer wieder herausfordernd gewesen, Abrechnungsprozesse zeitgerecht abzuschließen und gleichzeitig die Mitarbeitenden nicht zu überfordern. Nachdem 2025 die Abrechnungssysteme in Eckernförde und Rendsburg vereinheitlicht wurden, laufe nun auch die Vorbereitung für die dritte und letzte Umstellung in Schleswig weiter, bestätigten die Stadtwerke. Dafür habe man personelle Kapazitäten aufgestockt, externe Unterstützung durch einen IT-Dienstleister eingebunden und die Erreichbarkeit des Kundenservices verbessert. "Die Arbeiten für die Systemumstellung laufen kontinuierlich weiter, nur in einer optimierten Reihenfolge ", so der Kommunalversorger.
Systemumstellungen: "Alles, nur nicht einfach"
An der IT-Front stehen viele Versorger gleichzeitig vor mehreren Großbaustellen. Ein Vertreter eines IT-Dienstleisters beschreibt im Gespräch mit energate die Situation als branchenweites Phänomen: "Alle sitzen im gleichen Boot." Zahlreiche Unternehmen migrieren derzeit von SAP R/3 auf S/4HANA. Parallel dazu müssen neue regulatorische Anforderungen umgesetzt werden, nach dem 24-Stunden-Lieferantenwechsel Strom folgt dieses Jahr auch Erdgas. "Einer der tiefgreifendsten Eingriffe in bestehende Abrechnungssysteme", ordnete der IT-Experte ein. Auch die Stadtwerke SH beschreiben die Datenmigration parallel zum 24-h-Lieferantenwechsel als "Herausforderung".
Hinzu kommen neue Cloud-Strukturen auf Basis der SAP-Cloud-Architektur. Diese Systeme seien "alles andere als total fertig", so die Einschätzung aus der IT-Praxis. Gleichzeitig erfolge bei der Migration häufig eine Datenbereinigung. Kundendaten werden aus einem Systembestand in den nächsten überführt, was zusätzliche Fehlerquellen eröffnen kann, so der Vertreter des IT-Dienstleisters. Das größte Problem sei jedoch nicht technischer, sondern personeller Natur. Denn die Branche kämpfe mit massiver Ressourcenknappheit. "Der Markt ist leer", sagte er. Fachkräfte für energiewirtschaftliche IT-Projekte seien schwer zu bekommen, bei gleichzeitig steigender regulatorischer Taktung.
Verbraucherbeschwerden: Fehlerhafte Rechnungen im Fokus
Auch die Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein sieht Abrechnungsprobleme bei Stadtwerken und Energieversorgern. Ulf Ludwig, Bereichsleiter Energierecht und Energiewirtschaft, berichtet auf Anfrage unserer Redaktion von zahlreichen Beschwerden über nicht nachvollziehbare Verbrauchshöhen, unverständliche Rechnungen und falsch berechnete Abschläge. Unplausible Zählerstände infolge defekter Zähler oder jahrelanger Schätzabrechnungen hätten teils exorbitante Nachforderungen zur Folge, selbst wenn die Fehlerhaftigkeit offensichtlich erscheine. "Für Verbraucher ist es mitunter sehr mühsam, eine Korrektur derartiger Fehler zu erwirken", so Ludwig.
Falsche Rechnungen bewertet der Verbraucherschützer als das derzeit größte Problem, noch vor verspäteten Abrechnungen. Standardfälle funktionierten in vielen Systemen stabil. Schwierigkeiten entstünden vor allem bei Abweichungen vom "Normalfall" wie "unregelmäßige Abschlagszahlungen, außerplanmäßige Gutschriften, Änderungen staatlicher Preisbestandteile oder besondere Messkonzepte".
Dennoch würden häufig Softwareumstellungen als Begründung für Fehler und Verzögerungen angeführt, erklärte Ludwig. Auf qualitativer Ebene sei spürbar, wenn Versorger mit IT-Problemen kämpfen. Quantitativ lasse sich ein Zusammenhang jedoch nicht belastbar belegen, da statistische Beschwerdedaten keine eindeutigen Kausalitäten zulassen.
Einzelfälle mit Personalkonsequenzen
Dies ist kein norddeutsches, sondern ein bundesweites Problem, wie Berichterstattungen der vergangenen Jahre über Tausende verärgerte Energiekunden in der Lokalpresse zeigen. So kam es in Schwäbisch Gmünd zu solch massiven Abrechnungsproblemen, dass ein Millionenloch in der Kasse entstand und sich die Stadtwerke im November 2025 von ihrem Geschäftsführer Peter Ernst trennten. Der baden-württembergische Kommunalversorger hatte zuvor auf das Abrechnungssystem des Softwareanbieters Schleupen umgestellt.
Verbraucherschützer fordert Reformen bei Ausschlussfristen
Die Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein fordert mit Blick auf finanziell schwache Haushalte Ausschlussfristen oder Kürzungsrechte. Denn gerade sie brauchten Planungssicherheit. "Dringenden gesetzgeberischen Handlungsbedarf sehen wir außerdem in der Fernwärme, in der eine verbindliche Abrechnungsfrist völlig fehlt", beschrieb Ludwig. Hier müsse der Gesetzgeber tätig werden und einen Gleichlauf mit der Abrechnungsfrist unter dem EnWG schaffen. "Es ist nicht ersichtlich, warum hier in der Fernwärme ein geringeres Schutzniveau bestehen sollte als in der Gas- und Stromversorgung", so Ludwig. /hp