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Ein Instrumentenkasten für die Investitionslawine

Essen (energate) - Zur Finanzierung von Energie- und Wärmewende muss die Versorgungswirtschaft neue Geldquellen auftun. Dass sie dabei auf zumindest in der Theorie nicht um neue Finanzierungsmöglichkeiten verlegen ist, zeigte der energate talk "Energiewende-Finanzierung - Wie meistern Stadtwerke die Investitionslawine?". Gleich "zwei Lieblingsmodelle" brachte aus kommunaler Perspektive etwa Lars Martin Klieve, Finanzvorstand der Stadtwerke Essen, in die Diskussion ein. Für das Modell, dass Kommunen ihren Stadtwerken Nachrangdarlehen zur Verfügung stellte, spricht aus seiner Sicht die vergleichsweise günstigen Konditionen. "Wir reden da von Zinssätzen unterhalb von fünf Prozent". Dies seien Größenordnungen, die mit Private Equity "nicht annähernd" zu erreichen seien, gab er zu bedenken. 

 

Daneben warb der Stadtwerkevertreter für Bürgerbeteiligungsmodelle, die aus seiner Sicht gleich mehrere Vorteile in sich vereinten: Wenn Bürger vor Ort an Energiewendeprojekten mitverdienen, dann mache man "aus Betroffenen Beteiligte", so seine Argumentation. Das erhöhe auch die Akzeptanz von Baumaßnahmen, sagte er mit Blick auf die baustellenlastige Wärmewende. Zudem seien die Renditeerwartung lokaler Bürger vergleichsweise niedrig. 

 

Bürgerbeteiligungen: Mehr als Kleinvieh

 

Mit Blick auf die Bürgerbeteiligung fand Stadtwerkevertreter Klieve in Tilo Hacke, Vorstand der Deutschen Kreditbank (DKB), einen weiteren Fürsprecher. "Die Identifikationskraft von Bürgerbeteiligungen sollte man nicht unterschätzen", warb er für das Finanzierungsmodell. Zugleich trat er dem Argument entgegen, dass solche Beteiligungsmodelle mit Blick auf die hohen Investitionsvolumina nur "Kleinvieh" darstellten. Die DKB habe inzwischen mehr als 240 Bürgerbeteiligungsprojekte mit einem Gesamtvolumen von 2,2 Mrd. Euro unterstützt. "Da kommt schon was zusammen", sagte Hacke. 

 

Als Vertreter der Finanziererseite warb der DKB-Vorstand zugleich für die Stärkung der Eigenkapitalseite - beispielweise durch Thesaurierungen. Diesen buchhalterischen Kniff, Gewinne nicht auszuschütten, sondern als Investitionsspielraum im Unternehmen zu behalten, hatten zuletzt zahlreiche Energieversorger eingesetzt. Leidtragende sind dabei die zumeist kommunalen Gesellschafter, die auf ihre Ausschüttungen verzichten müssen. Er sei sich bewusst, dass das Geld in kommunalen Haushalten häufig knapp sei, räumte Hacke ein, dennoch seien Thesaurierungen aus Stadtwerkesicht ein "wirksames Mittel" im Wettbewerb um Kapital. "Mit jedem Euro Eigenkapital, den man reinbringt, hebelt man locker drei weitere Euro Fremdkapital", rechnete er vor.  

 

Investorenmodelle als Streitpunkt

 

Die Diskussion im energate talk stand ganz im Zeichen der enormen Investitionsvolumina, die im Energiesektor ausstehen. Zuletzt hatten verschiedene Studien diesen Investitionsbedarf allein bis 2030 in einem dreistelligen Milliardenbereich verortet. Mit der althergebrachten Stadtwerkefinanzierung über die Hausbank lassen sich solche Summen nicht hebeln, räumte Anne Rethmann, Finanzvorständin des Stadtwerkeverbunds Thüga, ein. Künftig werde es vielmehr darum gehen, einen ganzen "Instrumentenkasten" an Finanzierungsmodellen zu bemühen. 

 

Zu diese Instrumentenkasten zählt auch der Weg, Projekte oder Geschäftsbereiche in Zweckgesellschaften, auch SPVs (Special Purpose Vehicles) genannt, auszulagern, um dann Investoren daran zu beteiligen. Diese Modell brachte Frank Leiber, Partner der Beratungsgesellschaft Baker Tilly, mit in die Diskussion ein. Ein solches Vorgehen könne sich beispielsweise bei der Umsetzung von Wärmeprojekte anbieten. Auch DKB-Vorstand Hacke sah darin einen "sehr verfolgenswerten Ansatz". Es gelte allerdings zu vermeiden, "dass man die besten Stücke herausfiletiert und dann auf einem großen Konstrukt sitzen bleibt, was sich schwerer finanzieren lässt als vorher", warnte er. Auch Thüga-Vorständin Rethmann zeigte sich hingegen skeptisch. Ein Energieversorger habe beispielsweise kein Interesse daran, "dass mir bei der Preisbildung ein privater Eigenkapitalgeber mit reinquatscht". Genausowenig passe zum langfristig orientierten Wärmegeschäft ein Investor, "der nach fünf Jahren rausgeht". 

 

Verlässlicher Investitionsrahmen als Schlüssel

 

Einig waren sich die Diskutanten indes, dass ein verlässlicher Investitionsrahmen ein zentraler Schlüssel für jegliche Projektfinanzierung darstellt. Hier sah die gesamte Runde angesichts der zahlreichen regulatorischen Unwägbarkeiten Handlungsbedarf. "Langfristige Assets sollte man auch langfristig finanzieren. Und dazu braucht es Verlässlichkeit für den Unternehmer, aber für den Finanzierer", sagte etwa Banker Hacke. Thüga-Vorständin Rethmann stimmte ein: "Wir brauchen Klarheit. Damit steht und fällt jeder Business Case." In dem Kontext verwies sie auf die "unheimlich vielen Unsicherheiten" im Wärmemarkt, die derzeit die Projektumsetzung torpedierten. "Es wird schwer, einen Investor zu überzeugen, wenn die Drohung im Raum steht, dass das Wärmegeschäft stärker reguliert werden soll", sagte sie. 

 

Sympathien zeigte die Diskussionsrunde indes für die politischen Absichten, Investitionen in kommunale Infrastruktur über einen "Deutschland-Fonds" abzusichern. Als "großer Fan" outete sich beispielsweise Stadtwerke-Vorstand Klieve. Die Aufgabe der Klimatransformation sei schließlich eine gesamtgesellschaftliche, so seine Argumentation. "Wenn der Staat das für den richtigen Weg hält, dann muss er auch die Bereitschaft besitzen, Risiko aus dem Vorhaben zu nehmen." Allerdings, so räumte er selbst ein, seien die öffentlichen Mittel endlich. Aus Sicht einer Kommune mache es also Sinn, staatliche Gelder dort zu allokieren, wo es schwieriger ist, privates Kapital einzubinden, beispielsweise bei Bildungseinrichtungen, Straßen oder Bädern. /rb

 

Die Video-Aufzeichnung des energate talk "Energiewende-Finanzierung: Wie meistern Stadtwerke die Investitionslawine?" finden Sie hier.

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