Dynamische Netzentgelte kommen schrittweise
Berlin (energate) - Die Bundesnetzagentur treibt die Reform der Netzentgeltsystematik im Rahmen des AgNes-Prozesses weiter voran. Im Interview mit energate gibt Vizepräsidentin Barbie Haller exklusive Einblicke in die aktuellen Überlegungen der Behörde. Ziel sei es, "die Systemkosten insgesamt zu senken". Dazu werde der Regulierer ein Entgeltsystem etablieren, das Anreize setzt, Netzengpässe "nicht weiter zu verschärfen und im besten Fall sogar zu vermeiden", betonte Haller. Zentrales Instrument dafür sollen dynamische Netzentgelte sein, an deren Einführung die Netzagentur trotz Branchenkritik festhalten will. Auch Baukostenzuschüsse und Einspeiseentgelte stehen weiterhin auf der Agenda des Regulierers.
Trotz anhaltender Kritik aus der Branche werden dynamische Netzentgelte aller Voraussicht nach Teil des Festlegungsentwurfs sein, den die Bundesnetzagentur bis Ende Mai vorlegen will. Vizepräsidentin Haller skizzierte im energate-Interview einen möglichen Einstiegspfad: "Der erste Schritt wäre die Einführung dynamischer Netzentgelte für Speicher auf den höchsten Spannungsebenen." Speicher reagierten zwar auf Preissignale, speisten bislang aber häufig "vollkommen unabhängig von der jeweiligen Netzauslastung ein". Ohne klare Anreizsetzung könnten Speicher daher Engpässe im Netz verstärken. Das soll sich durch die Anreizwirkung dynamischer Netzentgelte künftig ändern.
Schonfrist für Verteilnetzbetreiber
Zugleich betonte Haller, dass andere Technologien wie Einspeiser und untergelagerte Spannungsebenen erst in späteren Schritten einbezogen werden sollen. Für Verteilnetzbetreiber, die wiederholt vor der Komplexität gewarnt haben, bedeutet das zunächst eine Schonfrist. Man starte "bewusst nicht auf den niedrigeren Spannungsebenen", führte Haller im Interview aus. Dort müssten zunächst Voraussetzungen etwa bei Digitalisierung, Marktkommunikation und der Steuerung flexibler Verbraucher nach § 14a EnWG geschaffen werden. "Wir wollen gemeinsam mit der Branche einen praktikablen Weg finden", sagte Haller in Richtung der Verteilnetzbetreiber.
Kompromiss im Speicherstreit?
Auch im Streit um die Netzentgeltbefreiung für Speicher zeichnet sich ein möglicher Kompromiss ab. Während die Branche auf eine unveränderte Fortgeltung bis August 2029 pocht, stellte die Bundesnetzagentur die Entgeltbefreiung in einem der AgNes-Workshops infrage. Nun deutete Haller ein mögliches Entgegenkommen an. Einerseits gehe es um eine möglichst hohe Wirkung für das Gesamtsystem, andererseits seien Investitionen "im Vertrauen auf bestehende Regelungen" erfolgt. "Das müssen wir berücksichtigen und einen ausgewogenen Vorschlag entwickeln", betonte Haller.
Einen Fadenriss im Speichermarkt werde und wolle die Behörde nicht riskieren. "Das wäre ein Bärendienst", so die Vizepräsidentin der Netzagentur. Speicher seien "ein zentraler Baustein für Versorgungssicherheit und Flexibilität". Ihre Wirtschaftlichkeit dürfe nicht derart beeinträchtigt werden, dass Investitionen ausbleiben. Daher ziele der kommende Vorschlag der Netzagentur nicht einseitig auf eine Belastung von Speicherprojekten, sondern auch auf Erlösmöglichkeiten. Einen konkreten Vorschlag, wie dies aussehen kann, wird die Netzagentur bis Ende Mai mit ihrem Festlegungsentwurf vorlegen.
Einspeiseentgelte bleiben Thema
Auch reine Einspeiser will die Behörde künftig stärker an den Netzentgelten beteiligen, schließlich sind sie inzwischen zu einem der zentralen Treiber der Netzkosten geworden. Neben Baukostenzuschüssen plant die Regulierungsbehörde daher weiterhin auch die Einführung von Einspeiseentgelten. Baukostenzuschüsse wirkten vor allem beim Anschluss, setzten aber keine Anreize für netzdienliches Verhalten im Betrieb, führte Haller aus. Deshalb könnten sie Einspeiseentgelte nicht vollständig ersetzen. "Insofern ist die Frage der Einspeiseentgelte nicht vom Tisch", betonte sie. Einschränkungen könne es aber bei Anlagen geben, die sich an Ausschreibungen beteiligen und eine staatliche Förderzusage erhalten. Zudem setze die EU der Höhe von Einspeiseentgelten gewisse Grenzen. Daran habe sich ihre Behörde zu orientieren.
Welchen Kurs die Bundesnetzagentur bei dynamischen Netzentgelten, Speicher- und Einspeiseentgelten einschlägt, will sie bis Ende Mai mit ihrem Festlegungsentwurf bekannt machen. Dann folgt eine erneute Konsultation der Vorschläge. Ziel bleibe es, den AgNes-Prozess bis Ende des Jahres so weit wie möglich anzuschließen, betonte Haller. /cs
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