Dynamische Netzentgelte als Hebel für Milliardeneinsparungen
Berlin/Hannover (energate) - Enercity-CEO Aurélie Alemany bezieht im Interview mit energate klare Position für eine Dynamisierung der Stromnetzentgelte. Diese seien der "entscheidende Hebel", um Flexibilitätspotenziale zu heben und damit Netzausbaukosten zu dämpfen, sagte die Enercity-Chefin im Rahmen eines Redaktionsbesuchs bei energate. Es sei daher zu begrüßen, dass das Energiewende-Monitoring des Bundeswirtschaftsministeriums die Bedeutung dynamischer Strompreise für die Flexibilisierung des Energiesystems eindeutig herausgestellt habe. BET-Berater Ralph Kremp, einer der Hauptautoren des Monitorings, hatte im Oktober im Interview mit energate ähnlich argumentiert. Er betonte, dass sich der Netzausbaubedarf durch eine umfassende Flexibilisierung um 20 bis 50 Prozent reduzieren ließe, umgerechnet wäre das ein dreistelliger Milliardenbetrag.
Flexibilisierung als Gamechanger
"Flexibilisierung und Digitalisierung sind die Gamechanger - und für ein Stromsystem mit geringen Grundlasttechnologien unverzichtbar", schlussfolgerte Enercity-CEO Alemany. Es sei daher "höchste Zeit", das Thema dynamische Netzentgelte anzupacken. Voraussetzung sei jedoch eine leistungsfähige digitale Infrastruktur, räumte sie ein. Zuletzt hatte es allerdings beim Rollout intelligenter Messtechnik nur geringe Fortschritte gegeben. Alemany zeigte sich davon unbeeindruckt. Enercity investiere gezielt in den Smart-Meter-Rollout und die Digitalisierung der Netze. "In drei Jahren haben wir - bei kluger Priorisierung steuerbarer Anlagen - eine ausreichende Durchdringung erreicht, um die im System schlummernde Flexibilität zu aktivieren", zeigte sie sich überzeugt.
So lange will Enercity aber nicht warten. Vielmehr kündigte Alemany an, schon jetzt zu starten und in einem "schlanken, unternehmensgetriebenen Pilotvorhaben" erste Erfahrungen mit lokalen Preissignalen zu sammeln. Es gehe darum, frühzeitig zu lernen, was unterschiedliche Preisräume technisch und geschäftsseitig bedeuten. "Wir wissen heute nicht alles - weder technisch noch marktseitig", räumte Alemany ein. Technisch sei vieles aber einfacher lösbar als oft angenommen, nicht zuletzt durch Fortschritte bei der künstlichen Intelligenz. Bereits im Frühjahr hatte sich die Enercity-Chefin im Interview mit energate für flexible Preissignale ausgesprochen, um Angebot und Nachfrage im Strommarkt besser ausbalancieren zu können.
Zielbild: Nodale Preise?
Mit dem klaren Votum für dynamische Netzentgelte stellt sich Enercity gegen die Position der beiden großen Branchenverbände BDEW und VKU. Beide lehnen deren Einführung bisher strikt ab. Als Argument führen sie in erster Linie die Komplexität solcher neuen Tarife an. Da Deutschland aber einen Preiszonensplit ablehnt und ein auf hohen Anteilen erneuerbarer Energien basierendes Stromsystem regional differenzierte Preissignale benötigt, gelten dynamische Netzentgelte derzeit als das wahrscheinlichste Mittel der Wahl. So sieht es auch die Bundesnetzagentur, die sich im Rahmen des AgNes-Prozesses für deren Einführung ausspricht.
Für Enercity-Chefin Alemany sind dynamische Netzentgelte womöglich nur ein erster Schritt. "Ich respektiere, dass ein Zonensplit derzeit als zu großer Schritt gilt. Deshalb brauchen wir alternative Ansätze", sagte sie zu energate. Dynamische Netzentgelte seien ein pragmatischer Einstieg, dem künftig aber weitere Reformen folgen könnten. Möglich wäre dann beispielsweise ein noch kleinteiligeres Preisgefüge, wie es in sogenannten nodalen Preissystemen der Fall ist. Dabei wird an jedem einzelnen Netzknotenpunkt der Ist-Zustand im jeweiligen Netz einzeln bepreist. Gegen ein derart komplexes Preismodell ist der Widerstand in der Branche jedoch noch größer als gegen dynamische Netzentgelte. /cs
Das ganze Interview mit Enercity-CEO Aurélie Alemany lesen Sie im Add-on Markt & Industrie. Darin äußert sie sich auch zu weiteren Eckpunkten des Energiewende-Monitorings, zum Fortgang der Wärmewende in Hannover und zur Frage der Finanzierung.