Direktvermarktungspflicht könnte Smart-Meter-Rollout beschleunigen
Köln/Berlin (energate) - Auch kleine Aufdach‑PV‑Anlagen lassen sich problemlos direkt vermarkten. Darauf weist Jochen Schwill, Gründer von Spotmyenergy, im Gespräch mit energate hin. Er widerspricht damit Befürchtungen aus Teilen der Solarbranche, wonach eine mögliche Direktvermarktungspflicht für Neuanlagen technisch oder organisatorisch kaum umsetzbar sei. Schwill erklärte, dass sowohl Smart‑Meter‑Ausstattung als auch Vermarktungsprozesse für Kleinanlagen in großem Umfang machbar sind.
Er argumentierte, dass kleine PV‑Anlagen angesichts von inzwischen mehr als 100 GW installierter Leistung systemische Verantwortung übernehmen müssten. Negative Strompreise entstünden vor allem deshalb, weil Kleinanlagen heute ohne Anreize jederzeit einspeisen und sich nicht marktgerecht verhalten. Die Direktvermarktung könne dieses Problem lösen, weil Anlagen in der Vermarktung bei Bedarf regelbar seien. Eine technische Abregelbarkeit sei vorhanden. "Dass man PV nicht ausschalten kann, ist eine Mär", so Schwill.
Hintergrund ist ein geleakter EEG‑Entwurf aus dem Bundeswirtschaftsministerium. Er sieht vor, die Förderung für Anlagen bis 25 kW einzustellen, eine umfassende Direktvermarktungspflicht einzuführen und Mittagsspitzen über eine dauerhafte 50‑Prozent‑Kappung zu dämpfen. Die Solarbranche spricht von einem "Frontalangriff auf die Energiewende" und verweist auf fehlende massentaugliche Prozesse und eine noch nicht flächendeckende Smart‑Meter‑Infrastruktur. Das Ministerium begründet die Pläne mit mehr Kosteneffizienz, Systemintegration und Versorgungssicherheit.
Schwill: Abschaffung der festen Einspeisevergütung folgerichtig
Die geplante Abschaffung der festen Einspeisevergütung bewertet Schwill als folgerichtig, er fordert jedoch, kleine Anlagen weiterhin über das Marktprämienmodell fördern zu können. Dieses Modell funktioniere seit über 14 Jahren bei Großanlagen und lasse sich problemlos auf das Kleinanlagensegment übertragen. Eine pauschale Streichung der Förderung hält er hingegen für riskant. Dies führe seiner Ansicht zu einem kurzfristigen Ansturm auf PV‑Installationen und anschließend zu einem Einbruch der Nachfrage, mit potenziell schweren Folgen für die Handwerksbetriebe. Schwill plädierte deshalb für eine einheitliche Lösung: alle Anlagen ins Marktprämienmodell und in die Systemverantwortung, kombiniert mit einer gegebenenfalls schrittweise sinkenden Förderung.
Für den Smart‑Meter‑Rollout sieht Schwill durch die Direktvermarktungspflicht eher Rückenwind als Hürden. Wettbewerbliche Messstellenbetreiber könnten Smart Meter in großen Stückzahlen liefern, die Nachfrage sei jedoch bislang zu gering. Koppele man PV‑Anlagen, steuerbare Verbrauchseinrichtungen oder Netzentgeltreduktionen an Smart‑Meter‑Pflichten, werde der Rollout deutlich schneller vorankommen. Auch die Kosten für Smart Meter stellen aus seiner Sicht kein Hindernis dar, da Vorteile über reduzierte Netzentgelte die Mehrkosten für Endkunden ausgleichen könnten.
Mit der Direktvermarktung verändern sich aus Sicht Schwills auch die Anforderungen an Installateure. Künftig müssten sie PV‑Anlagen "einspeise‑ready" und "direktvermarktungs‑ready" übergeben, inklusive Smart Meter, Steuerbarkeit und angebundenem Direktvermarkter. Kunden dürften nicht allein gelassen werden, sich selbst einen Vermarkter suchen zu müssen. Auch eine technische Optimierung, etwa das zeitlich angepasste Laden von Batteriespeichern zur Vermeidung negativer Preise, müsse Teil des Angebots werden.
Spotmyenergy positioniert sich dabei als Komplettanbieter: Das Unternehmen will Smart Meter, Direktvermarktung, Strombelieferung und Gerätesteuerung aus einer Hand anbieten und damit das Virtuelle‑Kraftwerks‑Konzept auf den Haushaltssektor übertragen. Dass jährlich rund 350.000 Kleinanlagen neu installiert werden, sieht Schwill weder für den Rollout noch für die Vermarktung als Problem.
"Knock‑out" für das Segment
1Komma5-Grad-CEO Philipp Schröder warnte unterdessen in einer Mitteilung, ein Übergang kleiner PV-Anlagen in die "sonstige Direktvermarktung" ohne Förderung wäre ein "Knock‑out" für das Segment. Ein stabil tragfähiges Marktprämienmodell setze zunächst skalierbare Prozesse und einen funktionierenden Smart‑Meter‑Rollout voraus. Solange Netzbetreiber nicht ausreichend digitalisiert seien, könne ein rein marktpreisbasierter Betrieb die notwendige Absicherung nicht ersetzen. 1Komma5 Grad plädierte zudem dafür, Flexibilität im Bestand stärker zu fördern, etwa durch Speichernachrüstungen, statt auf dauerhafte Volleinspeisung zu setzen. /mh