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Digitalisierung als Engpassfaktor der Energiewende

Berlin (energate) - Daten und künstliche Intelligenz werden zu zentralen Instrumenten für die Leistungsfähigkeit der Stromnetze. Das machte die Vorsitzende der Dena‑Geschäftsführung, Corinna Enders, bei einer Branchenveranstaltung im Future Energy Lab in Berlin deutlich. Sie erklärte, dass Netzbetreiber ohne den systematischen Einsatz digitaler Werkzeuge die wachsenden Anforderungen der Energiewende nicht mehr bewältigen können.

 

Netzanschlussanfragen, die Steuerung dezentraler Anlagen bis in die Niederspannung, dynamische Netzentgelte sowie Netzplanung und -ausbau seien längst Aufgaben, bei denen digitale Daten unverzichtbar geworden seien. Auch die Sicherheit kritischer Infrastrukturen rücke stärker in den Fokus. "Ohne den konsequenten Einsatz von Daten und KI werden eben auch diese Anforderungen nicht zu bewältigen sein", sagte Enders.

 

Erhebliche Aufgaben

 

Enders machte deutlich, dass sowohl die Energiewirtschaft als auch die Digitalbranche erhebliche Aufgaben vor sich haben. Datengestützte Anwendungen könnten Netzbetreiber schneller und effizienter machen, aber auch die Grundlage für ein leistungsfähiges, sicheres und wettbewerbsfähiges Energiesystem schaffen. Dieses sei eine Voraussetzung für Versorgungssicherheit und wirtschaftliche Stärke.

 

Bei einer anschließenden Podiumsdiskussion skizzierte Bundesnetzagentur‑Präsident Klaus Müller die zentralen Herausforderungen für die Netze: stark wachsender Anschlussbedarf durch Rechenzentren, Speicher, Industrie und Erneuerbare, knappe Netzkapazitäten und die Notwendigkeit, Flexibilitäten systematisch zu nutzen. Die Bundesnetzagentur befinde sich mitten in einer Phase großer regulatorischer Reformen, darunter etwa der AgNes-Prozess.

 

Dynamische Netzentgelte seien nur mit verlässlichen Daten möglich, sagte Müller. Die Frage sei, welche Daten wie erhoben werden, wem sie zur Verfügung stehen und welche digitale Infrastruktur es dafür braucht. Auch Qualität und Geschwindigkeit von Netzanschlüssen müssten künftig reguliert werden. Für diese "Qualitätsregulierung" brauche es ebenfalls Daten. Eine Umfrage seiner Behörde zeige jedoch, dass der Digitalisierungsgrad der Netzbetreiber bisher im Schnitt erst bei 33 Prozent liege und weniger als drei Prozent der Unternehmen KI einsetzen.

 

Digitalisierung entscheidet über Wettbewerbsfähigkeit

 

Mirko Klimas, Referatsleiter im Bundeswirtschaftsministerium, sagte, dass die Branche vor einem "Henne‑Ei‑Problem" stehe: Geschäftsmodelle bräuchten digitale Infrastruktur, und in digitale Infrastruktur werde investiert, wenn Geschäftsmodelle existieren. Er warnte Unternehmen davor, sich auf alten Erfolgen auszuruhen: "Wer da nicht aus den Puschen kommt, der wird vom Markt oder den Wettbewerbern überholt."

 

Digitalisierung könne sogar die Zahl der Akteure reduzieren, wenn Unternehmen nicht mithalten. Kleinere und mittlere Unternehmen bräuchten an der Stelle gegebenenfalls Hilfe von größeren Akteuren. Regulierung müsse Sicherheit bringen. Gleichzeitig unterstrich Klimas die Bedeutung hoher IT‑ und Netzsicherheitsstandards, insbesondere beim Smart‑Meter‑Rollout. Die hierzulande oftmals als zu streng kritisierten Vorgaben würden im Ausland einen hohen Zuspruch finden.

 

Scheer warnt vor Machtkonzentration

 

Die SPD‑Energiepolitikerin Nina Scheer hob die Bedeutung der Dezentralität hervor. Daten seien eine "Währung" der Energiewende und müssten breiten Zugang ermöglichen. Eine Konzentration in wenigen Händen sei der falsche Weg, sagte sie. Auch kleine Akteure müssten profitieren können. Digitale Souveränität, transparente Datenräume und klar geregelte Berechtigungen seien zentrale Voraussetzungen.

 

Scheer verwies zudem auf die Sicherheitsrisiken: Netz‑Know‑how dürfe nicht in falsche Hände gelangen. Regulierung müsse einfach sein und als Chance verstanden werden. Auch beim Smart-Meter-Rollout könne es ihrer Meinung nach schneller gehen, etwa mit vereinfachten Modellen. Diese könnten ebenso alle nötigen Sicherheitsstandards erfüllen.

 

BDEW warnt vor KI-Hype

 

Andrees Gentzsch, Mitglied der Hauptgeschäftsführung beim Energieverband BDEW, nahm in der Debatte die Perspektive der Netzbetreiber ein. Er warnte vor einem Hype um KI, ohne konkrete Anwendungen zu schaffen. Wichtig seien praxistaugliche Lösungen, die Netzbetreiber wirklich entlasten. Digitalisierung müsse überzeugend wirken, nicht, weil es politisch gefordert sei, sondern weil sie im Betrieb Nutzen stifte. Die rund 80 größten Verteilnetzbetreiber mit jeweils über 100.000 Kundinnen und Kunden deckten etwa 80 Prozent des Netzes und der angeschlossenen Verbraucher ab. Wenn diese Gruppe bei der Digitalisierung vorangehe, sei bereits ein großer Schritt getan. Die kleineren Unternehmen würden dann folgen, allerdings mit etwas zeitlichem Abstand.

 

Niklas Veltkamp, Mitglied der Geschäftsleitung beim Digitalverband Bitkom, verwies auf die gegenseitige Abhängigkeit von Energie- und Digitalbranche. Viele Netzbetreiber seien traditionell geprägt, verfügten über begrenzte IT‑Ressourcen und bräuchten Unterstützung bei Datenqualität, Cybersicherheit und Fachkräften. Die Voraussetzungen bei den Unternehmen seien extrem unterschiedlich. 

 

Die Veranstaltung war Teil eines Branchenprozesses, den die Dena gemeinsam mit BDEW und Bitkom angestoßen hat. Ziel des Prozesses ist es, Verteilnetzbetreibern Orientierung zu geben, konkrete Potenziale digitaler Technologien offenzulegen und die Umsetzung in der Praxis zu erleichtern. /mh

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