Zum InhaltZum Cookiehinweis

RSS Feed

Die Energiewende treibt und braucht Kulturwandel

München (energate) - Die Energiewirtschaft durchläuft seit Jahren tiefgreifende Wandlungsprozesse. In den vielfältigen Krisen der jüngeren Vergangenheit konnte die Branche auch durch große Anpassungsfähigkeit Resilienz entwickeln. Die Hinwendung zu moderner - agiler - Unternehmenskultur ist in diesem Zusammenhang längst keine Seltenheit mehr. Ellen Duwe und Matthias Meischner vom Beratungshaus HXI unterstützen Branchenunternehmen auf diesem Weg. Besagter Wandel der Unternehmenskultur werde zwar durch die Energiewende "mit angestoßen", berichteten die beiden Experten im Gespräch mit energate. Zugleich sind die allerwenigsten Energieversorger wirklich vollumfänglich agil unterwegs. "Wir sehen aber, dass sehr viele Unternehmen bereit sind, agil zu steuern, umzusetzen und schnell in Feedbackschleifen zu gehen", sagte Meischner.

 

Einer der Treiber dieser Entwicklung war demnach die Corona-Pandemie, als auch in der Energiewirtschaft Prozesse sehr schnell umgestellt und vor allem umfassend digitalisiert wurden, ergänzte Ellen Duwe. Diese Veränderungen hätten andere Branchen - etwa der Einzelhandel oder die Gastronomie - allerdings deutlich konsequenter vollzogen als Energieversorger. Gleichwohl: Neben der Energiewende und der damit stark im Wandel befindlichen Regulatorik brachte unter anderem der Fachkräftemangel den Kulturwandel in der Branche voran, konstatierte sie. Mittlerweile, ergänzte Duwe, sei deshalb davon auszugehen, "dass alle größeren Versorger mindestens ein Projekt zu agilen Arbeitsmethoden verfolgen." In der Energiewelt angekommen seien diese Arbeitsmethoden vor allem in den Vertriebseinheiten dieser Unternehmen - also im Endkundengeschäft. Jedoch: "Sich mit dem Thema zu beschäftigen, bedeutet noch nicht, agil zu sein", mahnte sie.

 

Marktliberalisierung ein Treiber des Kulturwandels

 

Ein Teil des Schubs in Richtung moderne und digitale Unternehmenskultur ist laut Duwe und Meischner eine Folge der Marktliberalisierung. So kamen neue Marktakteure in die Energiewelt, die nicht originär aus der Branche stammen, diese jedoch "mit viel Kapital im Rücken für sich erobern" wollen, sagte Matthias Meischner. "Solche Player bringen oftmals die Perspektive des Kunden mit und binden diesen gezielt in ihre Produktentwicklungsprozesse mit ein. Mit diesem Vorgehen entwickeln sie ihr Angebot weiter." Vor allem alteingesessene und traditionelle Player der Branche tun sich beim Kulturwandel indes schwer.

 

Echte Agilität ist hier bislang "ein punktuelles Phänomen", stellte er klar. Selbst der Generationenwechsel in den Führungsetagen hin zu jüngeren und somit digitaler sozialisierten Managerinnen und Managern beeinflusst die gelebte Kultur im Unternehmen "nicht zwingend", so Meischner weiter. "In der Energiewirtschaft gibt es immer noch viele Top-Führungskräfte, die über eine reine Fachkarriere aufgestiegen sind." Dies seien zwar sehr wertvolle Fachkräfte, deshalb jedoch nicht per se geeignete Führungskräfte, "die in der Lage sind, positiv in ein Team hineinzuwirken und ein gutes Arbeitsumfeld zu schaffen".

 

Grundauftrag im EnWG als Hemmnis für Kulturwandel

 

Die beschriebene Starre beim Kulturwandel in Teilen der Branche hat den Experten zufolge viel mit dem traditionellen Selbstverständnis dieser Unternehmen zu tun. "Die Energiewirtschaft steht für Konstanz" inklusive guter Verdienstmöglichkeiten und einer guten Work-Life-Balance, sagte Duwe. Ein Grund dafür sei "der Grundauftrag, den Energieversorger laut EnWG sicherstellen müssen". Gerade in den besagten Krisen der Vergangenheit sei es Stadtwerken und Netzbetreibern vielfach darum gegangen, "wo es möglich erschien, an bewährten Prozessen festzuhalten, um das System aufrechtzuerhalten". Deshalb funktionieren viele Branchenunternehmen allen Umwälzungen im Marktumfeld zum Trotz "wie eh und je", so Duwe. Dabei seien gerade die klassischen Führungsstrukturen nicht mehr geeignet, um auf die gegenwärtigen Herausforderungen der Energiewende zu antworten.

 

Offenheit und positive Fehlerkultur als Schlüssel

 

Um echte Agilität zu erreichen, braucht es im Vergleich zum Verständnis der "alten Energiewelt" eine positive Fehlerkultur. "Agilität bedeutet, auch die Konsequenzen zu leben - sprich, wenn Dinge reflektiert und hinterfragt werden, tatsächlich Lehren daraus zu ziehen und etwas zu verändern, anstatt trotzdem weiter am ursprünglichen Meilenstein-Plan festzuhalten", so Meischner. "Agiles Arbeiten bedeutet eine tiefgreifende Veränderung der Kommunikation und generell im Miteinander", ergänzte Duwe. "Wer trifft welche Entscheidungen, wie wird (Qualitäts-)Kontrolle gelebt? Solche grundlegenden Dinge verändern sich, wenn man die Transformation hin zu einer agilen Arbeitsweise ernst nimmt", erläuterte sie. "In tatsächlich agilen Strukturen kommt das Subsidiaritätsprinzip zum Tragen." Das bedeute, dass Entscheidungen dort angesiedelt seien, wo die größte Kompetenz dafür im Unternehmen liege und auch umgesetzt werde. /pa

 

Das gesamte Wortlaut-Interview mit Ellen Duwe und Matthias Meischner lesen Sie im Add-on Markt & Industrie. Darin erklären sie unter anderem, welche Fehler Wandlungswillige in ihrer Herangehensweise vermeiden sollten und inwiefern der langjährige Star-Fußballtrainer Jürgen Klopp als Vorbild dienen kann.

Zurück