Die Anfänge des Wasserstoff-Kernnetzes werden konkreter
Kassel (energate) - Die Stimmung im Wasserstoffmarkt ist wegen geplatzter oder verschobener Projekte bekanntlich nicht die beste. Trotzdem geht es voran beim Bau der ersten Abschnitte und die ersten Reservierungen im Kernnetz werden noch im März möglich sein. "Der Blues ist nicht so schlimm, wie manche denken", berichtete Dirk Flandrich im energate-Interview und verwies auf Kostensenkungen bei mittlerweile 80 Elektrolyseanbietern. Flandrich ist beim Fernleitungsnetzbetreiber Gascade für einen der Hauptkorridore namens Flow verantwortlich. Dass die Bundesnetzagentur wegen fehlender Nachfrage oder gestoppter Elektrolyseure in seinem Bereich Leitungen kassieren könnte, hält er für unwahrscheinlich. "Wir erwarten nicht, dass das Programm zusammengestrichen wird, weil wir die großen Mengen nach Baden-Württemberg und auch nach Tschechien und Südosteuropa bringen", sagte er.
Gascade stellte 2025 die ersten 400 Kilometer Gasleitungen der Pipeline Opal auf Wasserstoff um. Dies ging vergleichsweise schnell, weil dort kaum Gaskunden betroffen sind. Die technischen Herausforderungen waren trotzdem gegeben, denn so große Rohre, die eigentlich für den Import von russischem Erdgas gedacht waren, hatte bisher noch kein Netzbetreiber mit Wasserstoff "begast". "Die mobile Anlage, mit der wir stabile Flussraten auch bei sinkendem Druck sicherstellen konnten, haben wir selbst entwickelt", so Flandrich. In nur drei Abschnitten von Radeland in der Nähe von Berlin nach Lubmin an der Ostseeküste wurde das Erdgas herausgepresst und die Reste abgefackelt. Aus Opal wird damit die Leitung "Hyos". Die Praxiserfahrungen teilt Gascade im Fachverband DVGW. "Ob es die anderen Netzbetreiber am Ende auch so machen wollen wie wir, müssen sie sich überlegen", so der Gascade-Programmleiter. Er ist zudem stolz auf einen Begasungstest auf einer Kurzstrecke direkt gegen Stickstoff, was beim Neubau weiterhelfen könnte.
NEP-Entwurf: 2.200 Kilometer bis Ende 2027
Beim von der Bundesnetzagentur genehmigten Kernnetz liegt der Bundesdurchschnitt bei 60 Prozent Umwidmung und 40 Prozent Neubau. In dieser Woche gab die Vereinigung FNB Gas nochmals ein Update mit dem Entwurf des Netzentwicklungsplans Gas und Wasserstoff. Demnach wollen die Wasserstoffnetzbetreiber bis 2037 insgesamt 9.206 Kilometer Leitungen in Betrieb nehmen. Darunter sind 2.200 Kilometer mit teils erfolgtem Baubeginn, die bis Ende 2027 fertig sein sollen.
Ab 19. März sind zudem erste Kapazitätsreservierungen möglich für die beiden ersten großen Cluster Nord-West und Ost sowie kleinere isolierte Cluster bei Aachen, im Saarland sowie in Bayern. Die Flow-Abschnitte gehören zum Cluster Ost, das von der Ostsee bei Rostock und Greifswald als Spange am östlichen Rand Deutschlands entlang bis in den Raum Halle/Leipzig und dann in einem schmalen Streifen bis in den Raum Mannheim verläuft. Eine Reservierung ist für maximal sieben Jahre gültig, die Höhe der Reservierungsgebühr ist noch unbekannt. Erst bei der Umwandlung in eine Kapazitätsbuchung legt sich der Netznutzer - beispielsweise ein Industriekunde - auf die Laufzeit fest.
Neubau von Gasleitungen zur Weiterversorgung
Flandrich erläuterte im Interview, welche Vorbereitungen bei Gascade für die nächsten Netzabschnitte angelaufen sind. Kompliziert und zeitaufwendig wird es, sobald Erdgaskunden "umgehängt" werden müssen. Denn dazu ist der Neubau von Erdgasleitungen notwendig und das heißt automatisch viele Gespräche sowie Plangenehmigungen. "Wir machen alles zweigleisig, es gibt genug Netzbetreiber und andere alternative Wege", betonte Flandrich. An der Bergstraße müssten beispielsweise gleich acht Verteilnetzbetreiber umgehängt werden. /mt
Das vollständige Interview lesen Sie im heutigen Add-on Gas und Wärme, in dem Flandrich die Potenziale der Wasserstoffproduktion und der Batterien einordnet und auf der Nachfrageseite für Leitmärkte wirbt.