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"Das Gasnetz fit für die Zukunft machen"

Hamburg (energate) - Deutschland diskutiert über die Zukunft seines Industriestandorts - über Energiepreise, Subventionen, Bürokratie. In Zeiten knapper Haushalte und wachsender Unsicherheit rückt dabei eine unbequeme Wahrheit ins Zentrum der Debatte: Die Dekarbonisierung der Industrie ist kein Selbstläufer. Wenn wir daher eines nicht riskieren dürfen, dann ist es eine Energiewende, die vielleicht auf dem Papier funktioniert, sich aber wirtschaftlich nicht rechnet. Transformation scheitert nicht an fehlender Technologie - sie scheitert, wenn Business-Cases kollabieren.

 

Ein Gastkommentar von Felix Faber, Vorsitzender der Geschäftsführung von Shell Deutschland

 

Mit der kommenden EnWG-Novelle steht genau das auf dem Spiel. Sie entscheidet darüber, ob Milliardeninvestitionen in klimaneutrale Energie möglich bleiben oder ob wir eine zentrale Chance verspielen. Denn ein solcher Business-Case ist durch die aktuellen Pläne zur Gasnetztransformation massiv gefährdet: Biomethan.

 

Biomethan ist kein Nebenschauplatz, sondern Teil einer europäischen Vision. Unternehmen wollen in Deutschland und ganz Europa industriell skalierte Biomethananlagen errichten, die erhebliche Mengen nachhaltiger Energie bereitstellen können. Denn eines ist klar: Strom allein wird Deutschland nicht klimaneutral machen. Wer glaubt, dass Elektronen reichen, um Hochöfen, Chemieanlagen oder den Schwerlastverkehr zu dekarbonisieren, unterschätzt die Realität. Ohne grüne Moleküle bleibt die Energiewende unbezahlbar.

 

Biomethan braucht den Netzanschluss

 

Doch all diese Biomethanprojekte stehen und fallen mit einer einzigen Frage: Bleibt der Gasnetzanschluss erhalten - oder nicht? Die kommende EnWG-Novelle ist deshalb nicht einfach ein technisches Gesetzesvorhaben. Sie ist ein industriepolitischer Hebel, der Investitionen ermöglicht - oder verhindert.

 

Biomethan braucht den Netzanschluss - aber nicht jede Anlage gehört ans Netz. Dort, wo Großanlagen echte Systemstabilität schaffen, muss der Netzanschluss gewährleistet bleiben. Ein klar definierter Schwellenwert, der Anschlusskosten und Einspeiseleistung gemeinsam berücksichtigt, kann genau diese Trennlinie schaffen. Er sorgt dafür, dass sich der Netzanschluss lohnt, Fehlanreize verhindert und Gasnetze dort weitergenutzt werden, wo sie den größten Nutzen stiften.

 

Auch der geplante Wegfall der bisherigen Kostenteilung beim Netzanschluss ist mehr als eine juristische Fußnote - er ist ein Investitionsrisiko. Wer ernsthaft über industrielle Dekarbonisierung spricht, muss auch über die Verteilung der Kosten sprechen. Wenn die Anschlusskosten vollständig den Anlagenbetreibern aufgebürdet werden, werden viele Projekte nicht gebaut. Nur eine faire, gesetzlich verankerte Kostenteilung schafft Planungssicherheit für Investoren und Netzbetreiber - wie wäre es mit 50/50?

 

Die gravierendste Änderung im EnWG betrifft jedoch die Möglichkeit zur Anschlusstrennung - ein Damoklesschwert für Investoren. Ein widerrufbarer Netzanschluss ist de facto kein Netzanschluss. Keine Bank, kein Investor, kein Unternehmen der Welt finanziert eine Anlage in Millionenhöhe, wenn der Zugang zur Infrastruktur entzogen werden kann. So wird aus einer grünen Investitionschance ein untragbares Risiko.

 

Das Gasnetz wird zur Brücke in die Zukunft

 

Dabei gäbe es kluge Wege, Gasnetztransformation und Investitionssicherheit unter einen Hut zu bekommen, zum Beispiel über gesetzlich geschützte Anschlussrechte für Projekte oberhalb definierter Einspeisemengen oder durch die Ausweisung von Vorranggebieten in Regionen mit hohem Biomassepotenzial. Die Lösungen liegen auf dem Tisch - sie müssen nur genutzt werden.

 

Biomethan kann vom Nischenprodukt zu einem Schlüssel der klimaneutralen Industrie werden. Warum? Weil das grüne Molekül bereits heute verfügbar ist, um fossiles Erdgas zu ersetzen, wo Strom an seine Grenzen stößt - ohne dass Milliarden in neue Infrastruktur fließen müssen. Das bestehende Gasnetz wird so zur Brücke in die Zukunft.

 

Aber dafür braucht es einen Ordnungsrahmen, der Investitionen ermöglicht, statt sie zu verhindern. Wer das Gasnetz dichtmachen will, gefährdet nicht nur einzelne Projekte, sondern die industrielle Transformation. Die Politik hat jetzt die Chance, das Gasnetz fit für die Zukunft zu machen - nicht durch stillen Rückbau, sondern durch intelligente Weiterentwicklung. Jetzt ist der Moment, die richtigen Weichen zu stellen - für Investitionen, für Klimaschutz und für die Wettbewerbsfähigkeit unseres Industriestandorts.

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