Branche: Netzentgeltdebatte gefährdet Wasserstoffhochlauf
Bonn/Berlin (energate) - Die Bundesnetzagentur hat sich eine Reform der Stromnetzentgeltsystematik vorgenommen. Mit AgNes - kurz für Allgemeine Netzentgeltsystematik Strom - hat die Regulierungsbehörde ein Verfahren eingeleitet und ein erstes Diskussionspapier vorgelegt. Die Debatte steht noch ganz am Anfang, sie könnte aber für die Produktion von grünem Wasserstoff und den Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft ein schlechtes Ende nehmen. Zu den Reformgedanken zählt, dass die Bundesnetzagentur die Basis derjenigen verbreitern will, die sich an den Netzkosten beteiligen. Dabei geht es in erster Linie um ein Einspeiseentgelt, wie es auch im Gasnetz gezahlt wird.
In dem Papier wird aber auch auf die Netzentgeltbefreiung der Elektrolyseure Bezug genommen. Für einen Zeitraum von 20 Jahren sind diese vollständig von den Stromnetzentgelten befreit. Doch warum eigentlich, fragt die Behörde. Eine Gegenleistung für das Netz erbrächten die Anlagen nicht, heißt es explizit an zwei Stellen des Papiers.
Die Argumentation der Bundesnetzagentur ist, durch den Zubau an Elektrolyseuren steigt die Stromnachfrage und damit der Netzausbaubedarf. Eine Beteiligung an den Netzentgelten und Baukostenzuschüssen wäre ein Beitrag zu den damit verbundenen Kosten und könnte auch eine Steuerungsfunktion übernehmen, indem die Entgelte so ausgestaltet werden, dass Anlagen dort gebaut werden, wo sie das Netz ent- und nicht belasten.
"Das würde die deutsche Wasserstoffwirtschaft abwürgen"
Projektentwickler wie Lhyfe warnen dagegen: Die zusätzliche Belastung der Elektrolyse verteuere den grünen Wasserstoff um weitere 2 Euro/kg. Der Wasserstoffhochlauf werde so schon "auf dem Startblock" abgewürgt, schreibt David Hanel, Leiter Politik- und Regierungsangelegenheiten bei Lhyfe, im Gastkommentar für energate. Würden alle Elektrolysebetreiber netzentgeltpflichtig, wären das nach Zahlen der Deutschen Energieagentur aus dem Jahr 2024 Anlagen im Umfang von 110 MW. "Für den Betrieb der 110 MW würden rund 18 Mio. Euro im Jahr 2024 anfallen. Nur marginal für den Netzausbau, zu viel für Wasserstoffkunden", so Hanel.
Der Lhyfe-Manager hat eine andere Sichtweise auf die Elektrolyse: "Sie verringert den Netzausbaubedarf und somit die Netzausbau- und Redispatch-Kosten. Das sollte eher zum Beispiel durch reduzierte Baukostenzuschüsse unterstützt als durch eine Einbindung in die Netzentgelte in Mitleidenschaft gezogen werden." Ganz ähnlich sieht es auch Sopna Sury, COO Hydrogen der RWE Generation SE. Elektrolyseure seien netzdienlich, sie könnten "Stress aus dem Netz" nehmen, sagte sie beim Thyssengas-Dialog in Dortmund. "Warum sollte man dafür pönalisiert werden", fragte sie. Auch für Sury ist klar, fällt die Netzentgeltbefreiung weg, dann würde das die deutsche Wasserstoffwirtschaft abwürgen.
Flexibilität als Chance?
Weniger pessimistisch blickt der Anlagenbetreiber und Projektentwickler H2Apex auf die Vorschläge der Bundesnetzagentur. Die Konzepte gingen in die richtige Richtung, so eine Unternehmenssprecherin auf Anfrage. Auch hier wird das Potenzial zur Entlastung der Übertragungsnetze und bei den Redispatch-Kosten hervorgehoben. Negative Netzentgelte könnten einen Anreiz bieten, den "Verbrauch steuerbarer Lasten in den Zeiten hoher regionaler Stromverfügbarkeiten zu maximieren". Bei der Diskussion um Baukostenzuschüsse dürfe nicht aus dem Blick geraten, dass diese Lasten in den Überschussregionen aber zunächst einmal geschaffen und entsprechend angereizt werden müssen.
Vertreter der Bundesnetzagentur, mit denen energate am Rande einer Konferenz zu Regulierungsthemen gesprochen hat, machten deutlich, dass sie am Ende des Prozesses eine Beteiligung der Elektrolyseure an den Netzentgelten erwarten. Eine auch weiterhin vollständige Befreiung von den Netzentgelten werde es nicht mehr geben, auch nicht im Sinne einer regionalen Zubausteuerung. Von daher erscheinen auch negative Netzentgelte eher unwahrscheinlich. Klar ist der Behörde aber auch, es muss ein Weg gefunden werden, der die Elektrolyse einbezieht, ohne Geschäftsmodelle abzuwürgen. Die Diskussion darüber steht noch ganz am Anfang. /tc