Bio-CNG-Tankstellen punkten bei Rekord-Dieselpreisen
Verden (energate) - Die Dieselpreise haben im Zuge des Iran-Krieges Rekordwerte erreicht. Glück haben Transportunternehmen wie DHL oder den Lebensmittelkonzern Edeka, deren LKW Bio-CNG aus den landwirtschaftlichen Reststoffen Gülle und Hühnermist tanken. "Da Bio-CNG nicht an der Börse gehandelt wird, sind langfristige Festpreise und Konditionen bis 2030 und darüber hinaus möglich", erläuterte Achim Wiedey, Sales Manager beim Tankstellenbetreiber OG Clean Fuels, im Interview mit dem energate-Magazin e|m|w. Seit dem Strategieschwenk von Esso und Aral und dem Ausstieg vieler Stadtwerke aus dem CNG-Tankstellenmarkt hat sich sein niedersächsisches Unternehmen mit niederländischen Wurzeln zum deutschen Marktführer gemausert. An 170 Stationen können LKW und PKW den Biokraftstoff tanken.
Gemeinsam mit dem Fahrzeughersteller Iveco hat OG Clean Fuels (OG) kürzlich ein Festpreisangebot mit einer Laufzeit von fünf Jahren beim Kauf eines neuen oder gebrauchten LKW aufgelegt. Ursprüngliche Idee war es, das Preisrisiko beim Kraftstoff zu nehmen, als der Iran-Krieg noch nicht in Sicht war. "Die aktuelle massive Preissteigerung bei Diesel durch die Angriffe auf den Iran hatten wir bei der Angebotsentwicklung zwar nicht im Sinn - doch unser Festpreisangebot ist seit dem 1. März noch attraktiver als zuvor", stellte Wiedey fest. Erste Abschlüsse gibt es inzwischen. Sein Unternehmen sieht sich bestätigt, den Preis von Biomethan nicht auf Basis anderer Energieträger wie Erdgas oder Diesel zu indexieren. Bei Bio-LNG sieht die Lage dagegen anders aus. Hier werden große Mengen dank einer Verflüssigungsmöglichkeit im LNG-Terminal in Zeebrugge erzeugt, grün wird es erst durch Biomethan-Zertifikate.
Beschaffung beim Produzenten vor Ort
OG beschafft dagegen direkt bei den Biomethan-Produzenten oder Genossenschaften, vom Umweg über Zwischenhändler hat sich das Unternehmen verabschiedet. Die Insolvenzen der beiden großen Player Landwärme und BMP führten zum Umdenken, nicht nur bei OG, bei der nur kleinere Mengen betroffen waren. "Direkt nach den Insolvenzen kamen die Produzenten auf uns zu. Sie wollten bewusst auf die Händler verzichten und stattdessen direkt mit uns als Inverkehrbringer zusammenarbeiten", blickte Wiedey zurück.
Damit steigt zwar der Aufwand für sein Unternehmen durch das bundesweite Einsammeln kleiner und größerer Biomethan-Mengen. Auf der anderen Seite sinkt indes das Risiko durch Streuung. Manche Biogasstandorte können nur 30 Tonnen pro Monat liefern, andere machen 100 Tonnen die Woche. Zur Einordnung: Bei einer Tankstelle, bei der nur CNG-PKW tanken, dümpeln die Umsätze bei einer oder anderthalb Tonnen im Monat. Das ist im Norden öfter der Fall, wo OG die Tankstellen vom Regionalversorger EWE übernommen hatte. Fahren LKW die Zapfsäulen an, dann steigt der Umsatz auf mindestens 15 bis 20 Tonnen. In seltenen Fällen muss OG die PKW-Standorte schließen, sobald teure Reparaturen anstehen. "Ein Kompressor kostet 40.000 Euro aufwärts. Da müssen wir genau hinschauen, ob nicht eine benachbarte Tankstelle die Versorgung der Kunden sicherstellen kann", erläuterte der Sales Manager.
Rückzug anderer Player
Im Regelfall kauft sein Unternehmen aber zu, wo andere aufgeben. Dies war beispielsweise im Januar der Fall, als die Stadtwerke Schwerin komplett aus dem Tankstellengeschäft ausstiegen. Früher hatte der Kommunalversorger die Erdgasmobilität gefördert, jetzt sei es durchaus "an der Zeit gewesen", dass ein Unternehmen übernimmt, dessen Kernkompetenz die nachhaltige Mobilität ist, hatte eine Unternehmenssprecherin erläutert. Für ein Stadtwerk mit nur einer Tankstelle stelle sich die Wirtschaftlichkeit schwierig dar. Mit dieser Entscheidung befinden sich die Schweriner in guter Gesellschaft. Viele Stadtwerke stellen das Tankstellengeschäft auf den Prüfstand und konzentrieren sich eher auf öffentliche Ladeinfrastruktur.
Dazu hat auch die strategische Entscheidung der Tankstellenmarken Esso und Aral beigetragen, die wegen des hohen Aufwands nicht mehr selbst als Betreiber auftreten wollen. Bei auslaufenden Pachtverträgen verabschiedeten sich die Konzerne von der Zusammenarbeit mit diversen Stadtwerken. Auch im Schweriner Fall lag die Bio-CNG-Tankstelle des Kommunalversorgers auf dem Gebiet einer Esso-Station.
Klimaneutrale Logistik im Kommen
Die Betreuung der Großkunden unterscheidet sich stark vom normalen Tankstellengeschäft mit Endkunden. Vertriebsmitarbeiter müssen die Routen der Transportunternehmen gut kennen und einschätzen können, ob sich das Anfahren an
eine Tankstelle lohnt oder nicht. Zudem werden nicht selten Festpreisverträge abgeschlossen, bei Premiumkunden wie DHL und Edeka baut OG auch auf Wunsch Tankstellen auf dem Betriebsgelände. "Mein Ziel ist es, jedes Jahr mindestens noch einen großen weiteren Konzern aus der Transport- und Logistikbranche von den Vorteilen von Bio-CNG zu überzeugen", gab sich Wiedey selbstbewusst.
Motivation der Großkunden ist die CO2-Neutralität, die auf das Image, aber auch auf den Aktienkurs im Zuge der Nachhaltigkeitsvorgaben (ESG) einzahlt. Die Anschaffungspreise der LKW sind laut Wiedey mit einem Aufschlag von 10.000 bis 15.000 Euro gegenüber einem Diesel-LKW "überschaubar". /mt
Das vollständige Interview mit Achim Wiedey lesen Sie in der neuen Ausgabe der e|m|w, die auch Teil des energate-Clubs ist. Hier gibt er auch Einblicke in die neuen Unternehmenspläne zur Elektromobilität und warum OG bei Wasserstoff eher zurückhaltend ist.