Berlin als Vorreiter für Netzanschlussvergabe nach Reifegrad
Berlin (energate) - Die Nachfrage nach leistungsstarken Netzanschlüssen erreicht auch im städtischen Netzgebiet von Stromnetz Berlin Rekordwerte. In der jüngsten Vergaberunde für große Netzanschlüsse summierte sich die angefragte Leistung auf rund 2,3 GW. Das ist mehr als die gesamte Kapazität des gegenwärtigen Berliner Stromnetzes. Der städtische Verteilnetzbetreiber hat mit dem Repartierungsverfahren daher ein neues Vergabeverfahren eingeführt, das die Auswahl der begünstigten Projekte einschränkt. "Ein entscheidender Punkt ist, dass nur vollständig geprüfte und baureife Anträge teilnehmen dürfen", erläuterte Kerstin Niemeier, Bereichsleiterin Kunden & Märkte bei Stromnetz Berlin, im Interview mit energate.
Abkehr vom Windhundverfahren
Früher vergab der Berliner Netzbetreiber freie Kapazitäten nach dem weitverbreiteten Windhundverfahren. Angesichts der steigenden Netzanschlussanfragen hätte ein Festhalten an diesem Prinzip aber zeitnah zu einem vollständigen Ausverkauf verfügbarer Netzkapazitäten geführt. "Das war der Auslöser, ein neues strukturiertes Verfahren zu entwickeln", so Niemeier. Das Repartierungsverfahren mache Knappheiten sichtbar und verteile diese nach "klaren und nachvollziehbaren Regeln" gleichmäßig auf alle qualifizierten Antragsteller. "Nicht mehr die Schnelligkeit der Antragstellung entscheidet, sondern der Reifegrad und die Umsetzungsfähigkeit eines Projekts", führte die Bereichsleiterin aus.
Im April hatte Stromnetz Berlin die erste Vergaberunde nach dem Repartierungsprinzip gestartet. Insgesamt gingen 70 Anträge mit einer jeweiligen Anschlussleistung von über 3,5 Megavoltampere (MVA) ein, knapp 50 davon erfüllten die geforderten Reifekriterien. Bis Ende Januar erhalten diese nun ein verbindliches Angebot und müssen dann entscheiden, ob sie die zugewiesene Anschlussleistung annehmen. Diese fällt im Regelfall kleiner aus als ursprünglich beantragt.
Berechtigte Kritik?
Gerade Rechenzentrumsbetreiber, die in Berlin derzeit einen gewichtigen Teil der Anfragen ausmachen, kritisieren das Verfahren. Denn sie benötigen im Regelfall für die Realisierung ihrer Projekte sehr große Anschlussleistungen, wie jüngst beispielsweise Peter Pohlschröder, stellvertretender Vorsitzender der German Datacenter Association, beim energate-Meetup in Berlin deutlich machte. Niemeier hält dem entgegen, dass viele Projekte ihre volle Leistung erst nach einem Hochlauf über mehrere Jahre benötigen. Eine stufenweise Erweiterung über mehrere Runden sei im Repartierungsverfahren problemlos möglich. Benachteiligt würden lediglich unreife Vorhaben.
Das Berliner Verfahren deshalb zum bundesweiten Standard zu machen, empfiehlt die Bereichsleiterin dennoch nicht. Die Bedingungen in urbanen Verteilnetzen unterscheiden sich stark von ländlichen Regionen mit vielen Batteriespeicheranfragen, betonte sie. Umgekehrt dürfe aber auch kein Verfahren, das sich für Flächennetzgebiete eigne, zum Einheitsmodell für alle anderen Netze werden. Sinnvoll sei vielmehr, Spielräume für unterschiedliche Zuteilungsverfahren zuzulassen, appellierte Niemeier an den Gesetzgeber. Dieser will im ersten Quartal 2026 neue Regeln für Netzanschlussverfahren erlassen. /cs
Das vollständige Interview mit Kerstin Niemeier lesen Sie im Add-on Strom.