"Beim GEG erwarte ich keine Revolution"
Hannover (energate) - Im Interview mit energate skizziert Aurélie Alemany, Vorstandsvorsitzende des niedersächsischen Regionalversorgers Enercity, ihre Erwartungen an die neue Bundesregierung. Dabei stellt sie klar, dass Gaskraftwerke alleine nicht die Versorgungssicherheit gewährleisten können. Zudem drängt sie beim Rahmen für die Wärmewende und macht einen Alternativvorschlag zum Strompreiszonen-Split.
energate: Frau Alemany, wie bewerten Sie aus Sicht eines großen Regionalversorgers die energiepolitischen Eckpunkte, die Union und SPD im Koalitionsvertrag festgeschrieben haben?
Alemany: Grundsätzlich positiv. Im Koalitionsvertrag steht ein klares Bekenntnis zur Energie- und Wärmewende. Das ist wichtig für die Planbarkeit und den Rahmen unserer Investitionen. Wir brauchen Verlässlichkeit - nicht nur Ziele wie Klimaneutralität 2045, sondern auch einen klaren Weg dorthin. Es ist daher ein gutes Signal, dass - trotz mancher Debatte - klar ist: Wir machen weiter, es steht nicht alles in Frage.
energate: Die neue Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche hat angekündigt, dass neue Gaskraftwerke im Zuge eines ersten energiepolitischen Maßnahmenpakets zügig an den Start gebracht werden sollen. Ist das auch aus Ihrer Sicht prioritär?
Alemany: Ja, die Umsetzung der Kraftwerksstrategie ist überfällig. Wir brauchen Versorgungssicherheit und dazu gehören auch Back-up-Kapazitäten. Aber: 20 GW in nur fünf Jahren zu bauen, ist sehr ambitioniert. Deswegen plädieren wir dafür, den Lösungsraum zu erweitern, durch Speicher, Flexibilitäten und andere, steuerbare Lasten - neben neuen Gaskraftwerken. Auch Biogasanlagen können zur Versorgungssicherheit beitragen. Seit dem vergangenen Jahr betreiben wir in Hannover zwei Biomethan-Blockheizkraftwerke, die uns helfen, den Kohleausstieg abzusichern. Große Gaskraftwerke sind also sicher nicht die alleinige Lösung - zumal dezentrale Projekte viel schneller realisierbar sind.
energate: Zu den dezentralen Projekten gehören auch die von Ihnen angesprochenen Speicher. Wie stellt sich der momentane Speicherboom in Ihrem Netzgebiet dar?
Alemany: Wir sehen - wie andere Netzbetreiber auch - sehr viele Anfragen in unserem Netz, oft allerdings ohne echte Projektgrundlage - eher vorsorglich, um sich Optionen zu sichern. Das erschwert die Priorisierung und macht uns in unserer Rolle als Netzbetreiber die Arbeit nicht leichter. Wir brauchen dringend ein Instrumentarium für mehr Verbindlichkeit. Ein Weg könnte sein, Speicherprojekte zu priorisieren, bei denen sich die Eigentümer bereits Grundstücksrechte gesichert haben oder verlässliche Projektpläne vorliegen. Solche Projekte dürften eine signifikant höhere Wahrscheinlichkeit haben, realisiert zu werden.
Wärmewende braucht mehr Anschub
energate: Der Kritik an der Ampel zum Trotz sehen wir in vielen Bereichen der Energiewende eine dynamische Entwicklung. Auf dem Weg zur Klimaneutralität ist das aber nur der Anfang. Wie können die enormen Mittel, die für die Realisierung der Energiewende nötig sind, aufgebracht werden?
Alemany: Es braucht drei Säulen: Fördermittel, die aber nur einen kleinen Teil ausmachen. Eigenkapital und Innenfinanzierung, das wir über wirtschaftlichen Erfolg selbst erwirtschaften müssen. Und Fremdkapital, dafür sind stabile Rahmenbedingungen entscheidend. Wir erwarten keine Vollfinanzierung durch den Staat, aber eine gezielte Förderung, etwa für die Wärmewende, bleibt essenziell. Die bisher vom Staat bereitgestellten Mittel für den Anschub der Wärmewende reichen sicherlich nicht aus. Eine Möglichkeit könnte der diskutierte Energiewendefonds sein.
energate: Förderung ist das eine, ein stabiler politischer Rahmen das andere. Was erwarten Sie von der neuen Regierung bezüglich der gesetzlichen Vorgaben für die Wärmewende?
Alemany: Die Regierung hat angekündigt, das Gebäudeenergiesetz neu aufzustellen. Rechnen wir dabei mit einer Umkehr der bisherigen Zielrichtung? Nein, ich erwarte keine Revolution. Wir sind in Hannover auch schon längst in der Umsetzung. Wir haben Ende 2023 die Kommunale Wärmeplanung vorgelegt. Ziel ist es, Anfang der 2040er Jahre klimaneutral zu sein. Heute haben wir 60 Prozent Gasheizungen, rund 30 Prozent Fernwärme, der Rest sind Öl- und andere Heizungen. Künftig werden wir den Wärmebedarf zu zwei Dritteln über Wärmenetze und zu fast einem Drittel mit Wärmepumpen decken. Der Ausbau der Fernwärme ist also zentral: Wir werden dafür bis 2040 rund 1,5 Mrd. Euro investieren. Um das tun zu können, benötigen wir aber einen klaren und stabilen rechtlichen Rahmen. Den erwarten wir von der neuen Bundesregierung.
energate: Gibt es ein Ausstiegsdatum für die Gasversorgung in Hannover?
Alemany: Es gibt eine klare Richtung: Im Privatkundenbereich wird Erdgas perspektivisch verdrängt - durch Fernwärme und Wärmepumpen. Für die Industrie wird neben der Elektrifizierung von Prozessen, Fern- oder Nahwärme, auch Wasserstoff eine Rolle spielen - aber nur dort, wo es technisch nötig ist. Um im Industriebereich die konkreten künftigen Bedarfe zu ermitteln und gemeinsame Lösungen zu entwickeln, setzen wir auf Dialog. Dazu haben wir ein eigenes Team aufgebaut, das sich um die Belange unserer Industriekunden kümmert und gemeinsam mit den Unternehmen die Energie- und Wärmewende umsetzt.
energate: Welche Rolle spielt das Geschäft mit grünem Wasserstoff für Enercity?
Alemany: Wenn wir auf die verschiedenen Wertschöpfungsstufen blicken, ist für uns heute relativ klar, dass wir keinen grünen Wasserstoff selbst erzeugen werden - das ist ein sehr kapitalintensives Geschäft, in das wir - Stand heute - nicht einsteigen werden. Aber wir planen, wie gerade angedeutet, eine Wasserstoffversorgung für industrielle Kunden. Dieses Netz wird nicht vergleichbar sein mit dem heutigen Erdgasnetz, es wird sehr viel kompakter sein und nur Großkunden mit Hochtemperatur-Prozessen umfassen. Denn auch das ist für sehr klar: Für den Haushaltsbereich ist Wasserstoff aus heutiger Sicht keine Option.
Nodale Preise als Alternative zum Preiszonensplit
energate: Blicken wir nochmals auf den Strombereich: Wie stehen Sie als norddeutsches Unternehmen zur Debatte um eine Aufteilung der deutschen Strompreiszone?
Alemany: Es ist offensichtlich, dass wir in Deutschland ein Infrastrukturdefizit haben. Das signalisieren die europäischen Übertragungsnetzbetreiber mit ihrer Analyse, die für Deutschland mehrere Strompreiszonen empfiehlt. Einen Schnellschuss lehnen wir aber ab. Denn das Infrastrukturproblem mit einem Zonen-Split zu lösen, hätte für die Industrie gravierende Nachteile. Das sehen auch viele norddeutsche Unternehmen so. Stattdessen sollten wir über nachhaltige Alternativen sprechen, etwa über ein nodales Preissystem und die Steuerung von Angebot und Nachfrage, zum Beispiel über dynamische Netzentgelte.
energate: Was versprechen Sie sich davon?
Alemany: Beim Nodal Pricing werden die Preise für Strom an jedem einzelnen Netzknoten festgelegt und spiegeln so aktuelle Netzrestriktionen und die jeweiligen Kosten für die Stromübertragung wider. Es entstehen also Anreize, Flexibilitätstechnologien dort zu errichten, wo es aus Sicht des Netzes am sinnvollsten ist. Damit würden langfristig Effizienzpotenziale gehoben werden. Das schafft volkswirtschaftliche Vorteile, ohne die Versorgungssicherheit in Frage zu stellen.
energate: Wie schätzen Sie den Aufwand für die Einführung eines solchen Systems ein?
Alemany: Es gibt für Deutschland keine fertige Lösung, aber wir könnten schrittweise in ein solches System einsteigen. Nodale Preissysteme sind in anderen Ländern bereits etabliert, daran kann man sich orientieren. Wobei man ehrlicherweise sagen muss, dass eine funktionierende digitale Infrastruktur die Voraussetzung für ein solches System ist. Ohne die kann man nicht steuern. Und in diesem Punkt haben wir in Deutschland noch großen Nachholbedarf - das müssen wir entschlossen angehen.
energate: Was ist aus Ihrer Sicht die Ursache dafür, dass der Smart-Meter-Rollout nicht vorankommt?
Alemany: Das ist ein strukturelles Problem. Wir haben sehr hohe Standards gesetzt, deutlich höher als in anderen Ländern. Zusammen mit den gesetzlichen Rollout-Vorgaben erschwert das die Skalierung und treibt die Kosten. Wir sind zu prozessorientiert, zu kleinteilig und auch zu föderal. Wir haben in Deutschland rund 900 Netzbetreiber, das macht diesen Rollout nicht gerade einfacher. Dazu kommt eine "kulturelle Beharrungstendenz" - auch in den Unternehmen. Aber: Der Druck steigt. Bei Enercity skalieren wir gezielt unsere Smart-Meter-Aktivitäten, weil wir überzeugt sind: Ohne digitale Infrastruktur keine Energiewende. Wir müssen die Digitalisierung und die Flexibilisierung unserer Netze entschlossen vorantreiben. Deshalb werden wir uns stark in der Initiative "Simplify Smart Metering" engagieren und befürworten die konkreten Änderungsvorschläge im Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung.
energate: Frau Alemany, vielen Dank für das Gespräch.