Batteriespeicherbranche läuft gegen Eon-FCA Sturm
Essen (energate) - Der Eon-Konzern reagiert auf die immer knapper werdenden Netzkapazitäten und hat einen einheitlichen FCA-Standard für Batteriespeicher entwickelt. Diesen will das Unternehmen noch in diesem Jahr bei allen seinen Netztöchtern ausrollen. Doch während Eon den Vertrag als sinnvoll für alle Beteiligten betrachtet, reagieren Projektierer und Verbände, mit denen energate gesprochen hat, mit zum Teil harscher Kritik. "Es ist offensichtlich problematisch, wenn der Konzern mit der größten Marktmacht die Regeln für alle anderen selbst festlegen will", sagte etwa Nadine Bethge, Leiterin Neue Energiesysteme beim Bundesverband Neue Energiewirtschaft (BNE), gegenüber energate. Aus ihrer Sicht verfestige der Eon-FCA eine Interessen- und Risikoasymmetrie. Potenzielle Anschlussnehmer seien aufgrund mangelnder Netztransparenz und fehlender Netzauskünfte immer im Nachteil, so die deutlichen Worte Bethges.
Gesucht: Standard für ein flexibles Produkt
Auch der Bundesverband Energiespeicher Systeme (BVES) hält es für problematisch, wenn sich ein Standard-FCA ausschließlich aus den Vertragswerken einzelner Netzbetreiber entwickelt. Der Speicherverband hob hervor, dass eine flexible Netzanschlussvereinbarung per se nicht in einen Standard gepresst werden könne. "Schon das Wort Standard-FCA ist absurd", sagte eine Sprecherin zu energate. "Ein starrer Standardvertrag von Flensburg bis Garmisch-Partenkirchen beschränkt den Einsatz von Flexibilität und verteuert damit die notwendige Flexibilität unnötig, ohne positiven Effekt für das System oder Netz", ergänzte BVES-Geschäftsführer Urban Windelen.
Der BVES hat dabei insbesondere die wirtschaftlichen Auswirkungen des FCAs im Blick. So zeigten die Erfahrungen, dass die wirtschaftlichen Interessen von Speicherbetreibern nicht ausreichend berücksichtigt werden würden. "Nach Berichten aus der Branche werden teilweise sehr weitreichende Leistungsbeschränkungen oder pauschale Blockierungen vorgesehen, die kaum noch im Verhältnis zum möglichen Netzengpass stehen", so die BVES-Sprecherin.
Eon: FCA unter Mitarbeit von Eco Stor entwickelt worden
Eon hingegen verweist darauf, dass der Standard-FCA in einem Modellprojekt gemeinsam mit dem Speicherprojektierer Eco Stor anhand des 104-MW-Speichers Bollingstedt erprobt wurde. Gemeinsam mit dem Projektierer habe Eon in Bollingstedt die Bedingungen des FCA getestet und optimiert. Der von der Eon-Tochter Schleswig-Holstein Netz entwickelte FCA soll demnächst bundesweit Anwendung finden. Eine entsprechende Ankündigung machte Eon bereits auf dem BDEW-Kongress. In der Branche gilt er als besonders restriktiv, was die Beschränkungen bei der Fahrweise eines Batteriespeichers angeht.
Georg Gallmetzer, Mitglied der Geschäftsführung von Eco Stor und auch Vorstandsmitglied des BVES, hob dennoch die Vorteile des FCAs in einer Mitteilung hervor. "Standardisierte Lösungen wie die FCA von Eon schaffen Investitionssicherheit für Speicherprojekte und helfen gleichzeitig, die Integration erneuerbarer Energien und den Ausbau der Speicherkapazitäten in Deutschland zu beschleunigen."
Wirtschaftliche Einbußen von bis zu 20 Prozent
Damit widerspricht Gallmetzer auch den Darstellungen des BVES. Ohnehin hat sich Eco Stor mit dem Abschluss des FCAs mit Eon branchenweit keine Freunde gemacht. Mehrere Branchenteilnehmer, die anonym bleiben wollten, äußerten im Gespräch mit energate ihren Frust über das Vorgehen eines der Branchenführer. Der Vorwurf: Der abgeschlossene FCA legitimiere die viel zu restriktiven Fahrweisevorgaben. Gallmetzer selbst wiederum gestand in einer neuen Folge des energate-Podcasts "Irgendwas mit Energie", die in der kommenden Woche erscheint, ein, dass der FCA zu Umsatzeinbußen von bis 20 Prozent führe. Eon-Vorstand Thomas König sprach beim BDEW-Kongress von Einschränkungen unterhalb von drei Prozent.
Aus Sicht des Projektierers Green Flexibility sind Einbußen im zweistelligen Prozentbereich nicht hinnehmbar. Das Kemptner Unternehmen hat in den vergangenen Monaten an mehr als 15 FCAs verhandelt - und dabei mit verschiedenen Netzbetreibern wie LEW Verteilnetz, der ebenfalls zum Eon-Konzern gehört, oder Allgäu Netz. Gegenüber energate erklärte ein Unternehmenssprecher, dass eine FCA-Ausgestaltung möglich sei, die sowohl die Anforderungen des Netzbetreibers adressiere als auch die Wirtschaftlichkeit des Speicherprojekts sicherstelle.
Dafür notwendig seien unter anderem regelbasierte Leistungsbeschränkungen ohne Volllastlimit sowie Regelungen für die Regelleistungserbringung. Letztere müsse von Fahrplanfestlegungen durch den Netzbetreiber ausgenommen sein, ebenso wie von Vorgaben des Wirkleitungsgradienten - also wie schnell die Batterie ihre Entnahme oder Einspeisung hoch- und runterfährt. Green Flexibility hat basierend auf den Erfahrungen mit Allgäu Netz einen eigenen "FCA-Blueprint" erstellt. "Die Vorschläge von großen Verteilnetzbetreibern zeigen beispielhaft, dass FCAs im Markt noch zu häufig als Einschränkungsinstrument gedacht werden - und nicht als intelligentes Betriebsmodell für netzverträgliche Speicherintegration", erklärte dazu Volker Wiegand, Geschäftsführer Allgäu Netz.
Machtgefälle zwischen Netzbetreiber und Anschlussnehmer
Die sehr restriktiven Vorgaben sind offenbar auch im Eon-Konzern umstritten. Wie energate von verschiedenen Quellen erfuhr, sind nicht alle Konzerntöchter mit dem entwickelten Standard-FCA glücklich. So gebe es etwa die Sorge, dass die Vorgaben so streng seien, dass die Wirtschaftlichkeit der Projekte zugrunde gehe.
In diesem Zusammenhang pikant: Eco Stor versucht derzeit, den Batteriespeicher in Bollingstedt zu verkaufen. Aus dem Markt war zu hören, dass unter anderem die Wirtschaftlichkeit des Projekts durch den FCA gefährdet sei. Eco Stor wiederum bestätigte gegenüber energate zwar, seit Jahresbeginn einen Verkauf des Batteriespeichers zu sondieren. Dies habe jedoch "absolut nichts" mit dem FCA zu tun, versicherte ein Sprecher. Stattdessen sei ein Verkauf im Gespräch, um weitere Finanzierungsoptionen für andere Projekte zu prüfen.
Ohne FCA kein Anschluss möglich
Einen anderen Blick auf die Thematik hat Henning Schuster, Geschäftsführer von E-Bridge Consulting. Die Bonner Unternehmensberatung unterstützt Eon bei dem Projekt der Standardisierung von FCAs. Aus Sicht Schusters ermöglichen FCAs einen Netzanschluss dort, wo ein klassischer Netzanschluss mit jederzeit verfügbarer Kapazität technisch nicht möglich ist. Dabei sei es aus Sicht eines Netzbetreibers unerlässlich, die lokal und zeitlich variablen verfügbaren Netzkapazitäten zu identifizieren und in technisch belastbare Betriebsregeln zu übersetzen.
"Der Netzbetreiber benötigt hinreichenden Handlungsspielraum, um durch den Einsatz von Flexibilität einen sicheren Netzbetrieb auch bei erhöhter Netzauslastung sicherzustellen", erklärte Schuster. FCAs seien daher eine Möglichkeit, Kunden bereits heute anzuschließen, sodass sie nicht auf den Netzausbau warten müssen. "Die Alternative zum FCA ist häufig kein Anschluss oder ein Warten auf den Netzausbau", so der E-Bridge-Geschäftsführer.
Doch genau dieses Machtgefälle beunruhigt die Batteriespeicherprojektierer. Dafür symptomatisch: Im Zuge dieser Recherche wollte sich kaum ein Projektierer mit direktem Bezug zu Eon äußern. Zu groß war die Sorge, künftig nachteilig behandelt zu werden. Die Total-Energies-Tochter Kyon formulierte zumindest einen Hauch von Kritik. "Ein einseitig entwickelter FCA durch den Eon-Konzern als privatwirtschaftliches Unternehmen birgt immer das Risiko der Unausgeglichenheit gegenüber den Anschlussnetzbetreibern", sagte Marie-Sophie Braun, Head of Markets & Regulatory Affairs bei Kyon, zu energate.
Regulierungsbehörde und Politik gefordert
Ein Umstand, den aus Sicht der Branche die Bundesnetzagentur sowie die Bundesregierung beheben müssten. Nadine Bethge vom BNE sieht den Gesetzgeber in der Pflicht, dem Treiben von Netzbetreibern Einhalt zu gebieten. Eine "FCA-Wildwest würde die Energiewende ausbremsen", warnte Bethge. Der BNE sprach sich in der Vergangenheit für ein gesetzlich verankertes, bundeseinheitliches Regelwerk im EEG aus. Auch der BVES sprach sich klar für eine Weiterentwicklung des Rechtsrahmens aus.
Kyon setzt stattdessen auf eine konstruktive Zusammenarbeit der beteiligten Akteure. Ein Standard-FCA, wie ihn auch die Bundesnetzagentur derzeit erarbeitet, würde nur begrenzt Sicherheit schaffen. Notwendig seien strukturelle Änderungen im regulatorischen Rahmen, die Netz- und Marktsignale für Speicher besser sichtbar machen. Schuster wiederum war sich sicher, dass die aktuellen FCA-Ansätze lediglich einen Stand der heutigen Systemführung widerspiegelten. "Mit der weiteren Umsetzung von Redispatch 2.0 erwarte ich eine deutliche Weiterentwicklung hin zu dynamischeren Produkten, die die tatsächlich verfügbaren Netzkapazitäten deutlich effizienter erschließen." /rh