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Avacon warnt: Sicherheitsvorfälle häufen sich

Essen (energate) - Die Vulnerabilität kritischer Infrastruktur ist längst keine theoretische Diskussion mehr - für Netzbetreiber ist sie in alltäglichen Betriebsabläufen zunehmend greifbar. Darauf wies Matthias Boxberger, Vorstandsvorsitzender des norddeutschen Netzbetreibers Avacon, bei seinem Besuch der energate-Redaktion in Essen hin. "Wenn wir in unsere Statistiken schauen, sehen wir klar: Die Häufigkeit von Auffälligkeiten ohne unmittelbare Auswirkungen hat zugenommen", sagte er. Dazu zählten beispielsweise Drohnensichtungen, Beobachtungen im Umfeld von Netzanlagen oder auch auffällige Fahrzeuge vor Umspannwerken. Zugleich registrierte der Avacon-Chef eine sich gesamtgesellschaftlich veränderte Bedrohungslage. Boxberger verwies etwa auf die "politische Großwetterlage", aber auch den zunehmenden Digitalisierungsgrad. Entsprechend stelle sich Avacon darauf ein. 

 

Zuletzt hatte der Stromausfall in Berlin, der auf einen Brandanschlag zurückging, die Debatten um die Sicherheit kritischer Infrastruktur befeuert. Bei dem Thema schloss sich Boxberger Forderungen aus der Branche an, die öffentliche Verfügbarkeit von Informationen zur kritischen Infrastruktur einzuschränken - gerade in Bereichen mit potenziell großen Ausfallszenarien. Es gehe darum, zu verhindern, dass jemand gezielt Schlüsselstellen identifizieren könne. "Wir sollten an dieser Stelle weniger transparent sein", so Boxberger. 

 

Bei Prävention von Anschlägen "auf sich selbst schauen"

 

Mit Blick auf die Bedrohungslage hatte der Branchenverband BDEW zuletzt neben weniger strengen Transparenzpflichten auch mehr Befugnisse für die Energiewirtschaft bei der Gefahrenabwehr gefordert. Dazu zählte etwa der Vorschlag, in bestimmten Fällen Drohnen selbstständig abwehren zu können. Avacon-Chef Boxberger gab sich im Gespräch maßvoller. "Ich bin dafür, dass alle Akteure in der Prävention von Anschlägen zunächst auf sich selbst schauen", sagte er und schob beispielhaft rhetorische Fragen hinterher: "Haben wir unsere Möglichkeiten bei der Anlagenüberwachung vollständig ausgeschöpft? Haben wir alle kritischen Einsehbarkeiten überprüft?" 

 

Zugleich mahnte er zu Realismus: Keine Sicherheitsmaßnahme werde "kriminelle Energie von ihren Plänen vollständig abhalten können". Daher sei die Folgenbeherrschung entscheidend: Netzwiederaufbaupläne, mobile Schaltanlagen, Netzersatzanlagen und deren Transportfähigkeit. "Dort und bei der entsprechenden Koordination würde ich zuerst ansetzen", lautet seine Empfehlung. Avacon selbst sei derzeit dabei, das eigene Lagerbewirtschaftungskonzept zu überarbeiten. Ein entscheidendes Kriterium werde sein, "eine möglichst breite Verfügbarkeit von Ersatzkomponenten herzustellen". 

 

Netzanschlüsse: Vorfahrt für Bestand

 

Bei seinem Redaktionsbesuch bezog der Avacon-CEO auch Position zu der aktuellen Diskussion um die Netzanschlüsse. Die hohe Zahl an Anschlussbegehren, insbesondere von Batteriespeichern, hatte zuletzt eine lebhafte Debatte über die Netzanschlussverfahren ausgelöst. Boxbergers Plädoyer: "Wir müssen den Prozess der Netzanschlüsse so aufsetzen, dass es uns als Volkswirtschaft möglich ist, bewusste Prioritäten im öffentlichen Interesse zu setzen." Er verwies auf das eigene Netzgebiet, in dem eine Papierfabrik, die auf strombasierte Produktionsverfahren umstellen will und die Bezugsleistung erhöhen möchte, mit zahllosen Speicherprojekten um Netzanschlusskapazitäten konkurriert. "Diese Situation birgt ein enormes Konfliktpotenzial und das bisher angewendete Windhundprinzip kann dem nicht gerecht werden", gab Boxberger zu bedenken.

 

Sein Wunsch wäre, "dass wir den Weg freimachen für bestehende Gewerbe- und Industriebetriebe, die eine Leistungserhöhung benötigen". Denn Papierfabriken, Zuckerwerke oder andere gewerbliche Produktionssysteme seien bereits vor Ort und könnten nicht mehr woanders hin. Die Übertragungsnetzbetreiber hatten in der Frage zuletzt die Initiative ergriffen und ein neues Verfahren vorgestellt, das sie zum 1. April einführen möchten. Künftig soll anstelle des Windhundprinzips der "Reifegrad" über die Vergabe der Netzanschlüsse entscheiden. /rb

 

Das gesamte Interview mit Avacon-CEO Matthias Boxberger lesen Sie im Add-on Strom.

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