Zum InhaltZum Cookiehinweis

RSS Feed

"Auch Einzelheizungen mit Wasserstoff werden kommen"

Berlin (energate) - Der Wasserstoffhochlauf in Deutschland kommt bislang nicht in Schwung. Neue Hoffnung macht der Branche in der Sache aber die neue Bundesregierung. Warum das so ist, wie sich die Nachfrage vonseiten der Industrie ankurbeln lässt und welche Perspektive Wasserstoff im Wärmemarkt hat, darüber sprach energate mit Gerald Linke, dem Vorstandsvorsitzenden des DVGW.

 

energate: Herr Linke, die neue Bundesregierung setzt auf Technologieoffenheit - auch beim Wasserstoff. Ist das aus Ihrer Sicht der richtige Ansatz, um den Hochlauf in Schwung zu bringen?

 

Linke: Ja, absolut. Wir stehen noch ganz am Anfang des Wasserstoffhochlaufs. Eine zu restriktive Regulierung würde diesen Prozess ausbremsen. Jetzt ausschließlich auf grünen Wasserstoff zu setzen, würde verhindern, dass der Markt abhebt. Deshalb brauchen wir auch Importe und - zumindest als Brücke - Wasserstoff aus fossilen Quellen, also blauen oder türkisen Wasserstoff. Das entspricht dem Innovationsanspruch, den Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche formuliert hat.

 

energate: Wenn Technologieoffenheit ernst gemeint ist, müsste das auch roten Wasserstoff umfassen, also Wasserstoff aus Kernenergie.

 

Linke: Im europäischen Kontext muss das möglich sein, auch wenn jedes Land natürlich auch in der Energiepolitik souveräne Entscheidungen trifft. Länder wie Frankreich setzen auf Kernkraft - das müssen wir anerkennen. Für Deutschland ist das kein Thema. Aber auch roter Wasserstoff allein wird die Nachfrage nicht decken. Wir brauchen vielfältige Quellen, ohne ideologische Scheuklappen.

 

energate: Deutschland hat mit dem Wasserstoff-Kernnetz einen ersten wichtigen Schritt gemacht. Was braucht es jetzt, um daraus einen echten Markt entstehen zu lassen?

 

Linke: Vor allem Verlässlichkeit. Investoren brauchen ein klares Signal, dass der Infrastrukturausbau planmäßig voranschreitet. Erste Abschnitte sind bereits im Bau, das ist gut. Entscheidend wird nun sein, langfristige Lieferverträge zu schließen - mit europäischen Nachbarn, mit Ländern in Nordafrika und Nordamerika. Auch Koppelgeschäfte mit Erdgaslieferungen könnten helfen. Wichtig ist: Wir brauchen nicht sofort physisch große Mengen Wasserstoff, aber rechtlich und wirtschaftlich verbindliche Verträge, die Lieferungen ab Anfang der 2030er Jahre garantieren. Denn auch Psychologie spielt beim Hochlauf eine Rolle.

 

energate: Auch die Produzenten fordern Absicherung. Wie lässt sich die Wasserstoffnachfrage stärker stimulieren?

 

Linke: Die Industrie ist grundsätzlich bereit - zum Beispiel die Stahlbranche, da gibt es durchaus positive Signale. Aber die Industrie braucht eine sichere und kalkulierbare Versorgung. Hier braucht es Übergangslösungen, um schneller die Wirtschaftlichkeit zu erreichen, etwa durch die Beimischung von Wasserstoff in die Erdgasnetze. Das würde auch die Dekarbonisierung im Wärmemarkt anschieben.

 

energate: An welche Quote denken Sie dabei?

 

Linke: Bis zu 20 Prozent Wasserstoffbeimischung sind in Gasheizungen realistisch - das zeigen verschiedene Studien. Wichtig ist eine flexible Gestaltung - zum Beispiel durch virtuelle Bilanzierung und Herkunftsnachweise, wie wir sie vom Biogasmarkt kennen. Hier ist Kreativität gefordert.

 

energate: Viele Energieversorger sehen Wasserstoff nicht im Einzelgebäude, sondern nur in der KWK für Wärmenetze. Sie sehen das anders?

 

Linke: Ich verstehe die Einschätzung, aber wir sollten offen bleiben. In einer sektorgekoppelten Welt vermischen sich Pfade. Es wird Regionen geben, wo keine Wärmenetze entstehen - dort können dezentrale Wasserstofflösungen sinnvoll sein. Insofern: Ja, auch Einzelheizungen mit Wasserstoff werden kommen - nicht flächendeckend, aber dort, wo es passt. Übrigens: Wer mit Strom aus einem wasserstoffbefeuerten Kraftwerk eine Wärmepumpe betreibt, heizt indirekt auch mit Wasserstoff.

 

energate: Wasserstoffkraftwerke könnten auch einer der Ankermärkte werden, die dem Hochlauf Sicherheit geben. Die Regierung öffnet nun aber CCS an Gaskraftwerken die Tür. Ist das aus Ihrer Sicht hinderlich für den Hochlauf?

 

Linke: Entscheidend ist, dass es um wasserstofffähige Kraftwerke geht - also Pre-Combustion-CCS. Dabei wird aus Erdgas Wasserstoff erzeugt und CO2 vor der Verbrennung abgeschieden. Das bringt Wasserstoffmengen in den Markt, was wiederum dem Hochlauf dient. Deshalb sehe ich die Pläne der neuen Bundesregierung keinesfalls kritisch. Post-Combustion-CCS hingegen könnte den fossilen Lock-in verlängern.

 

energate: Mit dem neu geschaffenen Infrastrukturfonds stehen der Bundesregierung reichlich Mittel für Transformationsprojekte zur Verfügung. Inwiefern sollte hier der Wasserstoffmarkt eine Rolle spielen?

 

Linke: Was die Wasserstoffinfrastruktur angeht, ist mit dem Kernnetz ja bereits ein erster wichtiger Schritt getan. Nun muss es auch um die Verteilnetze und um Wasserstoffspeicher gehen. Bei beidem könnte ein Modell wie das Amortisierungskonto ebenfalls helfen - statt klassischer Subventionen wird der Aufbau vorfinanziert, Rückflüsse erfolgen später. Das ist ein sehr smarter Ansatz, der den Transformationsgedanken in sich trägt. Ich glaube, am Ende brauchen wir womöglich viel weniger öffentliche Mittel für die Transformation als gedacht. Private Investitionsbereitschaft ist da, es braucht aber klare Rahmenbedingungen.

 

energate: Lassen Sie uns zum Schluss nochmal auf die Industrie schauen. Auch die wünscht sich klare Rahmenbedingungen. Doch der Wasserstoffhochlauf ist noch mit vielen Fragezeichen versehen. Wie kann die Politik hier helfen?

 

Linke: Bei vielen energieintensiven Prozessen gilt heute Erdgas als Referenzpreis. Da ist Wasserstoff in der Regel nicht konkurrenzfähig, das muss man klar sagen. In einer dekarbonisierten Welt ändert sich das aber. Denn dann gibt es für solche Prozesse nur noch zwei Alternativen: Wasserstoff oder Strom. Und wir sind überzeugt, dass Wasserstoff dann in vielen Fällen die wettbewerbsfähigere Alternative sein wird. Auf dem Weg dahin könnte auch bei der industriellen Nutzung eine Amortisierung eine Lösung sein. Hier können staatliche Mittel als Absicherung dienen.

 

energate: Gibt es zum Wasserstoffhochlauf überhaupt eine Alternative?

 

Linke: Nein - und genau das stimmt mich zuversichtlich. Und die klare Positionierung der neuen Bundesregierung zu Wasserstoff stützt diese Annahme. Selbst wenn wir 2045 oder 2050 rund 1.000 Terawattstunden Endenergie durch Strom abdecken können, werden weitere 1.000 TWh fehlen. Die müssen molekular bereitgestellt werden - durch Wasserstoff. Ohne ihn verlieren wir unsere industrielle Basis und können keine wettbewerbsfähigen Güter mehr produzieren. Wasserstoff wird künftig eine mindestens ebenso große Rolle spielen wie Strom - wenn nicht sogar eine größere.

Zurück