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Arcelor Mittal stoppt Green-Steel-Pläne in Deutschland

Bremen (energate) - Arcelor Mittal legt seine Green-Steel-Transformationspläne für die Produktion in Deutschland weitgehend auf Eis. Nach langem Abwägen wird der Stahlkonzern seine Werke in Bremen und Eisenhüttenstadt bis auf Weiteres nicht wie bislang geplant auf wasserstofffähige Direktreduktion (DRI) und Elektrolichtbogenöfen umstellen. Die "politischen, energie- und marktbezogenen Rahmenbedingungen" hätten sich "nicht in die erhoffte Richtung entwickelt", begründete das Management sein Votum gegen die finale Investitionsentscheidung für eine DRI-Anlage in Bremen und drei Lichtbogenöfen in Bremen und Eisenhüttenstadt.

 

Beide Werke sollten nach bisheriger Planung ab 2030 auf Basis von Strom und Wasserstoff klimafreundlich produzieren. Ebenso wie ein drittes Werk in Hamburg. Zum Status quo der bislang nur vage nach außen kommunizierten Pläne in der Hansestadt machte Arcelor Mittal zunächst keine Angaben. Dort hatte das Unternehmen unter anderem erwogen, einen eigenen Elektrolyseur zu errichten.

 

EWE legt Elektrolyse-Kooperation auf Eis

 

Die Entscheidung trifft ein Wasserstoffprojekt des Oldenburger Regionalversorgers EWE, der für den Industriekonzern einen Elektrolyseur realisieren wollte. Auch dieses Vorhaben liegt auf Eis, wie EWE gegenüber energate erklärte. "Alternative Optionen und die Finanzierung" für das noch nicht weit fortgeschrittene Vorhaben würden geprüft, hieß es. Ungeachtet dessen treibe die EWE das Gesamtgroßvorhaben "Clean Hydrogen Coastline" mit mehreren weiteren Pipelines und Großelektrolyseuren weiter voran. "Die Absage eines mit Milliardenförderung geplanten Vorhabens zeigt, wie groß die Verunsicherung selbst bei einem Leuchtturmprojekt derzeit ist", kommentierte EWE-CEO Stefan Dohler. "Es braucht nun schnelles Handeln, um das Vertrauen in den politischen Willen zur wirtschaftlichen Dekarbonisierung der Industrie zurückzugewinnen", forderte er.

 

Arcelor Mittal: Umrüstung trotz Milliardenförderung nicht wirtschaftlich

 

Mit Blick auf den Wasserstoffhochlauf in Deutschland hing an den verworfenen Umrüstungsplänen in Bremen und Brandenburg eine Fördermittelzusage von Bund und Land im Umfang von 1,3 Mrd. Euro. Auf diese Finanzspritze verzichtet der Konzern jetzt bewusst. "Wir wissen die Finanzierung durch die Bundesregierung und das Land Bremen sowie die Unterstützung des Landes Brandenburg zu schätzen. Aber selbst mit der finanziellen Unterstützung ist die Wirtschaftlichkeit für die Umsetzung dieser Umstellung nicht ausreichend", erklärte Geert Van Poelvoorde, CEO von Arcelor Mittal Europe. Nicht zuletzt, weil die Energiewende langsamer vorankomme als ursprünglich erhofft, sei "grüner Wasserstoff noch keine tragfähige Energiequelle" für die Direktreduktion von Stahl. Ferner sei "DRI-Produktion auf Erdgasbasis als Übergangslösung nicht wettbewerbsfähig", stellte er klar.

 

Als vollständige Abkehr von den Umrüstplänen für die beiden Flachstahlwerke will das Unternehmen die Entscheidung jedoch nicht verstanden wissen. Ziel sei es, vorbereitet zu sein, sobald sich die Rahmenbedingungen ändern. Die erste konzerneigene DRI-Anlage soll der Arcelor-Mittal-Standort Dünkirchen in Frankreich bekommen, hieß es mit Verweis darauf, dass der Strom dort günstiger sei.

 

Wasserstoff-Kernnetz verliert einen Ankerkunden

 

Dass Arcelor Mittal seine Green-Steel-Ambitionen in Deutschland eindampft, kommt nicht überraschend. Auf die aus Konzernsicht schwierige Gemengelage hatte die Unternehmensführung schon vor Monaten hingewiesen. Gleichwohl haben die Bauherren des Wasserstoff-Kernnetzes jetzt die Gewissheit, dass einer ihrer Ankerkunden ausfällt. Zu diesen Betreibern der im Bau befindlichen Wasserstoffinfrastruktur zählen die Transportnetzbetreiber Gasunie Deutschland und Ontras. "Ankerkunden haben eine große Bedeutung für die Entwicklung des Kernnetzes", erklärte ein Gasunie-Sprecher gegenüber energate. Die mehr als 9.000 Kilometer Netzinfrastruktur würden "nicht ausschließlich für diese Abnehmer" entstehen. Dass auf Fortschritte beim Wasserstoffhochlauf auch Rückschläge folgen, liege "in der Natur der aktuellen Transformationsphase".  Allerdings sei man "als Infrastrukturbetreiber weiterhin bereit, in Vorleistung zu gehen", so Gasunie weiter.

 

Zugleich sei die Entscheidung von Arcelor Mittal "ein klares Signal an die Politik, die Rahmenbedingungen sowohl für Erzeuger als auch Abnehmer und Transporteure nachzuschärfen", sagte Ralph Bahke, Geschäftsführer Steuerung und Entwicklung bei Ontras. Der Transportnetzbetreiber ist Vorhabenträger der Kernnetzleitung, die auch den Arcelor-Mittal-Standort Eisenhüttenstadt versorgen sollte. Die fehlende Investitionsentscheidung habe "dazu beigetragen, dass die geplante Leitung Richtung Eisenhüttenstadt bisher nicht in einer verbindlichen Vorhabenträgerschaft seitens Ontras gemündet ist", stellte das Unternehmen klar. Die Entwicklung werde in die anstehende Evaluierung der Netzentwicklungspläne einfließen. Weil dieser Kernnetzabschnitt auch die Lausitz anbinden soll, sei die Leitung weiterhin wichtig, betonte Ontras.

 

Großer Unmut im Bremer Senat

 

Großen Unmut löste die Entscheidung von Arcelor Mittal unterdessen in der Politik aus. Der Bremer Senat zeigte sich "tief enttäuscht und verärgert, nachdem Politik und Unternehmen so lange gemeinsam an einer Perspektive für das Bremer Stahlwerk gearbeitet haben". Für die langfristige Wettbewerbsfähigkeit des Standorts sei der Schritt "kurzsichtig", kritisierte Finanzsenator Björn Fecker (Grüne). Die Absage bedrohe auch die Dekarbonisierungsziele von Bremen. "Der Konzern muss jetzt klarstellen, dass der Standort Bremen für ihn nicht zur Disposition steht", hieß es. "Der Senat erwartet, dass Arcelor Mittal eine verbindliche Perspektive aufzeigt, wie die Hütte trotz der steigenden CO2-Preise eine sichere Zukunft hat", so die Senatsverwaltung. /pa

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