Altes Stromnetz behindert Europas Autonomiebestrebungen
Luxemburg (energate) - Der Europäische Rechnungshof schlägt Alarm: Das Stromnetz der EU ist zu alt, um für den steigenden Stromverbrauch der Energiewende gewappnet zu sein. Gleichzeitig sei die Elektrifizierung Europas Schlüssel, um in Sachen Energie unabhängiger vom russischen Gas zu werden und den Klimawandel zu bekämpfen. Deshalb plädiert das europäische Kontrollorgan in einer Analyse für umfangreiche Investitionen in die Stromnetze. So könne auch der Übergang von fossiler zu grüner Energie gelingen. Zudem hat der Rechnungshof Sparpotenziale ausgemacht.
Keit Pentus-Rosimannus, die als Mitglied des Europäischen Rechnungshofes für den Bericht zuständig war, stellte auf einer Pressekonferenz die Dringlichkeit der Aufgabe hervor. "Die Digitalisierung, Cyber- und physische Sicherheitsbedenken und extreme Wetterereignisse erfordern modernere und widerstandsfähigere Netze", so der Appell der ehemaligen Finanzministerin Estlands. Die Aufgabe sei groß, schließlich werde sich in der EU die Stromnachfrage bis 2050 voraussichtlich mehr als verdoppeln.
Riesiger Investitionsbedarf
Mit mehr als 11,3 Mio. Kilometern an Stromleitungen handle es sich bei dem europäischen Stromnetz um die größte Infrastruktur der EU, so Pentus-Rosimannus weiter. Entsprechend groß sei auch der Investitionsbedarf. Wenn das derzeitige Tempo anhalte, würden sich die geplanten Investitionen der Netzbetreiber zwischen 2024 und 2050 auf insgesamt 1.871 Mrd. Euro belaufen, so das Resultat der Analyse. Dies sei weniger als der von der EU-Kommission geschätzte Investitionsbedarf, der zwischen 1.994 und 2.294 Mrd. Euro liege.
Dies seien "große Summen", aber Pentus-Rosimannus erinnerte auch daran, dass die EU im Jahr 2024 für den Import fossiler Brennstoffe rund 427 Mrd. Euro zahlte. "Das ist Geld, das wir stattdessen für lokale Energie, Arbeit und Infrastruktur ausgeben könnten", so die Aufforderung Pentus-Rosimannus. Der Bericht kommt dabei zu der Erkenntnis, dass die Investitionskosten zudem deutlich reduziert werden könnten. Die Grundvoraussetzung dafür seien smarte und flexible Netze. "Speicherlösungen, Maßnahmen zur Nachfragesteuerung, neue Technologien und bessere Verbindungen zwischen den Mitgliedsstaaten können Kosten senken", hob Pentus-Rosimannus hervor. Auch Verbraucher, die Energie sowohl erzeugen als auch verbrauchen, könnten in dem flexiblen Energiesystem der Zukunft eine wichtige Rolle spielen, heißt es in dem Bericht.
Verteilnetzbetreiber haben schlechte Kreditwürdigkeit
Es gehe auch nicht nur darum, die erforderlichen Investitionen zu stemmen, sondern dies auf möglichst effiziente Weise zu tun. Entscheidend dafür sei die Regulierung, die Netzbetreiber zu Effizienz und Innovation anreizen müsse, erklärte die Estländerin. Die dafür notwendigen Vorabinvestitionen erforderten eine gute Kreditwürdigkeit. Schließlich würden die hohen Capex-Kosten erst über den langjährigen Netzbetrieb wieder hereingeholt. Die Analyse des Europäischen Rechnungshofs zeigt jedoch, dass die Kreditwürdigkeit bei den Verteilnetzbetreibern oft schlecht ist. So seien 34 Prozent von ihnen in der untersten Bonitätsstufe eingerankt.
Für Pentus-Rosimannus ein "Anlass zur Sorge". Die in Deutschland zuständige Bundesnetzagentur hat mit dem Nest-Prozess erste Schritte für eine einfachere Finanzierung getan. Bei den Übertragungsnetzbetreibern sei die Bonität hingegen im Allgemeinen kein Problem - allen Rufen der deutschen ÜNB nach einem höheren EK-Zins zum Trotz. Der Vergleich des Europäischen Rechtshofs zeigt jedoch auch, dass der derzeitige EK-Zins von 5,07 Prozent zu den geringsten in Europa zählt. Nur in Ungarn, Irland und Zypern fällt der EK-Zins noch geringer aus.
Projektrealisierung muss schneller geschehen
Ein weiterer Dorn im Auge des Rechnungshofes: die Dauer der Realisierung von Netzausbaumaßnahmen. "Es müsste schneller und einfacher möglich sein, Netze zu bauen", erklärte Pentus-Rosimannus. In Deutschland würden demnach Bauprojekte im Übertragungsnetz bis zu zehn Jahre dauern, wovon die Hälfte auf Planung und Genehmigung entfalle. Zwar sei eine durchdachte Planung wichtig. Jedoch würden "schwerfällige und langwierige Verfahren" dazu führen, dass bereits bestehende Anlagen nicht genutzt werden könnten, weil der Netzanschluss fehle. So käme der Bundesrechnungshof in seinem jüngsten Prüfungsbericht zu dem Schluss, dass der Netzausbau dem Zeitplan um sieben Jahre und 6.000 Kilometern hinterherhinke, heißt es in der Analyse.
Speziell auf Deutschland bezogen kommt der Report außerdem zu dem Schluss, dass der Smart-Meter-Rollout noch immer im europäischen Vergleich hinterherhinkt. Bezogen auf ganz Europa belegt Deutschland mit einem prozentualen Anteil von einem Prozent den drittletzten Platz, nur Bulgarien und Zypern haben noch weniger Smart-Meter verbaut. /rh