50 Hertz will Sicherheitskooperation verbessern
Berlin (energate) - Angesichts zunehmender Bedrohungslagen müssen Energieunternehmen und Sicherheitsbehörden ihre Zusammenarbeit ausbauen und professionalisieren. Das hat Sylvia Borcherding, CCO bei 50 Hertz, im Gespräch mit energate gefordert. Ihr Unternehmen steht als einer der vier Übertragungsnetzbetreiber im Zentrum der Debatten um den Schutz kritischer Infrastruktur. Diese Debatte nahm zuletzt politisch Fahrt auf, nachdem Nato-Chef Mark Rutte vor einem Angriff Russlands auf Nato-Staaten gewarnt hatte. Auch Borcherding sieht Anlass zur Sorge: Deutschland befinde sich nicht mehr in einer Friedenssituation, sagte sie. Unternehmen müssten sich sehr klar überlegen, an welchen Stellen sie zusätzliche Maßnahmen implementierten, um sich stärker zu schützen.
Doch auch die Rechtslage, die den Austausch zwischen Unternehmen und Sicherheitsbehörden erschwere, bereitet der 50-Hertz-Geschäftsführerin Sorge. Betreiber kritischer Infrastruktur bräuchten mehr Informationen, damit sie ihre Anlagen an den entscheidenden Stellen besonders schützen können. "Staatliche Stellen dürfen uns aber nicht sagen, an welchen Stellen Risiken akut für das Unternehmen gestiegen sind und von wem sie ausgehen. Das muss geändert werden", forderte sie. Außerdem müsse die Zusammenarbeit formalisiert werden. 50 Hertz pflege derzeit einen informellen Austausch mit Nachrichtendiensten, "und in der Krise heißt es natürlich: Köpfe kennen", sagte Borcherding. Trotzdem müsse ein Austauschsystem etabliert werden, in dem klar sei, wo die Schnittstellen bestehen.
Kosten und Komponenten
Borcherding plädierte außerdem für eine stärkere gesellschaftliche Debatte. "Die Frage, wie viel Sicherheit wir uns leisten wollen und was diese kosten darf, müssen wir auch als Gesellschaft viel stärker diskutieren", so die CCO. Sie verwies etwa auf die Radarsysteme auf Offshore-Plattformen, in die 50 Hertz derzeit investiert. Die Debatte müsse aber auch die Frage adressieren, welche Komponenten in kritische Infrastruktur eingebaut werden. Diese Frage spielt auch EU-weit eine Rolle. Im Herbst etwa hatten über 30 Mitglieder des Europäischen Parlaments die Europäische Kommission dazu aufgefordert, Maßnahmen gegen chinesische Wechselrichter in europäischen Solaranlagen zu verhängen. Die Parlamentarier verwiesen dabei auch auf Warnungen des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI). Die Behörde sieht eine Gefahr, dass China über die Wechselrichter Einfluss auf das Stromnetz nehmen könnte.
Auch um den Einsatz chinesischer Windturbinen in Offshore-Windparks war zuletzt eine Debatte entbrannt. "Man muss sehr genau darauf schauen, was man wo kauft", stimmte Borcherding in den Reigen kritischer Stimmen ein. Sie verwies auf einen Fall in Norwegen, bei dem festgestellt wurde, dass elektrische Busse, die in China gekauft wurden, remote steuerbar waren. "Bei solchen Themen müssen wir balancieren zwischen den Kosten der Energiewende und der Sicherheit", so die Geschäftsführerin.
Kommunikation zu Krisenzeiten
Borcherding forderte außerdem eine andere Kommunikation von öffentlicher Seite. Der Staat müsse die Gesellschaft besser aufklären über die Sicherheitslage, "aber ohne dabei Ängste zu schüren". Sie verwies auf die Broschüre des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe für Haushalte. Wie diese Broschüre kommuniziert werde, unterscheide sich jedoch in jeder Kommune und Gemeinde. "Manche sind bewusst reaktiv. Das halte ich nicht für hilfreich", so die CCO. Daher plädierte sie für eine zentrale Kommunikationsstrategie, statt bei diesem Thema auf Föderalismus zu setzen. "Was zentral kommuniziert werden kann, sollte auch zentral kommuniziert werden", so Borcherding.
Transparenzpflichten und kleine Zulieferunternehmen
Was aus ihrer Sicht allerdings sehr viel weniger transparent kommuniziert werden solle, seien Angaben über Energieanlagen. "Wir haben als Übertragungsnetzbetreiber ausgeprägte Transparenzpflichten zu unserer Infrastruktur. Es ist aber gar nicht klug, die komplette Infrastruktur im Internet abzubilden", erklärte Borcherding. Es brauche dringend neue Regelungen, sodass Unternehmen nur noch die maximal notwendigen Informationen zur Verfügung stellen müssten.
Wie auch für andere Energieunternehmen gelten für 50 Hertz bald die Pflichten aus dem Kritis-Dachgesetz. Das Gesetz, das die kritische Infrastruktur schützen soll, befindet sich derzeit im parlamentarischen Verfahren. Der Gesetzentwurf sieht etwa vor, dass Unternehmen Resilienzpläne erstellen und Störfälle melden müssen. Als kritische Infrastruktur gelten etwa Einrichtungen, die essenziell für die Gesamtversorgung in Deutschland sind und mehr als 500.000 Personen versorgen. Damit sind kleinere Zulieferer von den Pflichten ausgenommen. Borcherding ist aber dagegen, die Pflichten auf kleinere Unternehmen auszuweiten. Es brauche allerdings eine Debatte darüber, wie kleinere Unternehmen freiwillig Sicherheitsmaßnahmen implementieren könnten. /kij
Das gesamte Interview mit 50-Hertz-Geschäftsführerin Sylvia Borcherding lesen Sie im Add-on Strom.