Finanzierung von Erdgas- und Wasserstoffnetzen wird anspruchsvoll
Essen (energate) - Trotz des geplanten Erdgas-Exits und zahlreicher Wasserstoffprojekte verharren die Gasnetzinvestitionen auf hohem Niveau. Von der Entscheidung der Bundesnetzagentur zur fünften Regulierungsperiode, die 2028 startet, wird daher viel abhängen. "Wir werden die Finanzierung bekommen, aber möglicherweise zu anderen Konditionen", sagte Nathalie Leroy, kaufmännische Geschäftsführerin von Open Grid Europe (OGE), bei ihrem Besuch der energate-Redaktion in Essen.
Nach dem Beginn des Ukraine-Krieges mussten die Gasnetzbetreiber der Infrastruktur ein gehöriges Update verpassen, da kein Erdgas mehr aus Russland kam. Auf einen Schlag wurde viel mehr Erdgas von Norden nach Süden transportiert anstatt von Osten nach Westen. Hinzu kamen die neuen, teuren Anbindungsleitungen für mehrere LNG-Terminals an der Nordsee- und Ostseeküste. Der große Investitionspeak der vergangenen Jahre ist laut Leroy zwar überwunden. So investierte OGE 2025 noch etwa 580 Mio. Euro in Erdgas. "Da wir große Projekte abgeschlossen haben, wird das künftig weniger werden", blickte sie voraus. Aber ein Grundbestand an Investitionen von mehreren Hundert Mio. Euro pro Jahr werde bestehen bleiben.
Mehr Kapital für Anbindung der Gaskraftwerke und H2-Transporte nötig
Das liegt auch daran, dass der politisch verordnete Erdgas-Exit bis 2045 länger dauern könnte als vorgesehen und neue Gaskraftwerke für die Stromversorgungssicherheit in Planung sind. Damit kommen auf das Gasnetz weitere Veränderungen hinzu, je nachdem, welche Zuschläge die Bundesnetzagentur für welche Standorte vergeben wird. Wahrscheinlich sind für den Gastransport Richtung Süden zu den neuen Kraftwerken weitere Umplanungen nötig. "Aber wir brauchen mehr Klarheit, um wirklich beziffern zu können, was das für uns bedeutet", ordnete die OGE-Geschäftsführerin ein.
Getrennte Finanzierungsrunden für Erdgas auf der einen und den Aufbau des Wasserstoffnetzes auf der anderen Seite gibt es bei OGE noch nicht. Grundsätzlich sind Investoren laut Leroy positiv gestimmt beim Wasserstoff-Kernnetz, sie begrüßten die gefällte Grundsatzentscheidung dafür. Deutschland geht mit dem Amortisationskonto und seinen staatlichen Garantien einen Sonderweg in Europa. Kritiker - darunter US-Analysten - warnen indes vor Milliardenrisiken durch das Kernnetz, weil dies schlicht überdimensioniert sei. Hier widerspricht die OGE-Geschäftsführerin: "Ich kann nachvollziehen, dass einige diese Sorge äußern, weil es im Moment tatsächlich noch viele offene Fragen gibt. Ich glaube aber nicht, dass es so kommen wird, weil wir sehen, dass die Bundesregierung klar hinter dem Wasserstoff-Kernnetz steht."
Verzinsung noch unklar
Wo die Investoren indes genauer hinschauen werden, sind die von der Bundesnetzagentur gewährten Zinssätze. Neuanlagen erhalten derzeit 5,07 Prozent, Altanlagen 3,51 Prozent, Rechtsverfahren gegen die Bundesnetzagentur scheiterten vor dem Bundesgerichtshof. Für Erdgas plant die Behörde eine Entscheidung bis Ende 2026 für die nächste fünfjährige Regulierungsperiode; der Zinssatz wird von 2028 bis 2032 gelten. Und auch beim Wasserstoffnetz muss die Regulierungsbehörde im kommenden Jahr eine neue Festlegung treffen. Die bisher gültigen 6,69 Prozent laufen Ende 2027 aus. In den Augen der Netzbetreiber ist der bisherige Zinssatz deutlich zu niedrig, weil das Risiko beim H2-Hochlauf höher sei als bei Strom oder Erdgas. Aus Sicht des Bundeswirtschaftsministeriums waren die 6,69 Prozent dagegen "ein EK-Zins, der sich durchaus sehen lassen kann", wie es der damalige zuständige Abteilungsleiter ausdrückte.
Siebenjähriger Durchschnitt in der Diskussion
OGE-Geschäftsführerin Leroy warb mit zwei Argumenten für höhere Zinssätze: Sie nannte zum einen die aktuell erzielbaren Konditionen am Markt und zum anderen den hohen Wettbewerb. Stromnetzbetreiber müssen ebenso Milliardenbeträge für ihre Infrastruktur einsammeln und international betrachtet sehe die Verzinsung in anderen Ländern besser aus. Als Beispiel brachte sie eine kürzlich abgeschlossene Finanzierungsrunde der Muttergesellschaft Vier Gas Holding in Höhe von 500 Mio. Euro. Hier wurde bewusst eine kurze Laufzeit von 4,5 Jahren gewählt, um höhere Zinssätze zu vermeiden. Das Ergebnis: 3,5 Prozent Zinsen.
Die Bundesnetzagentur zielt nach bisherigen Aussagen indes auf einen rückwärtsgewandten siebenjährigen Durchschnitt, was die beiden Niedrigzinsjahre 2019 und 2020 beinhalten würde. "Das bedeutet, dass wir mit diesem Durchschnitt deutlich unter den 3,5 Prozent liegen würden, die wir aktuell am Markt zahlen", erläuterte Leroy. "Wenn Finanzinvestoren sehen, dass diese Lücke größer wird, dann verteuert sich unsere Finanzierung", fügte sie an. Sie appelliert an die Regulierungsbehörde, den siebenjährigen Durchschnitt jährlich anzupassen - bei allem Verständnis dafür, in der allgemeinen wirtschaftlichen Lage auf die Kosteneffizienz zu schauen. Der Bundesverband Neue Energiewirtschaft, bei dem die Netznutzer vertreten sind, kritisiert unterdessen immer wieder die Traumrenditen der Netzbetreiber. /mt/ml
Das vollständige Interview mit Nathalie Leroy lesen Sie im heutigen Add-on Gas und Wärme.